Guenter Klarner - Geschichten
Vulkan

"Hey", rief Joe, "kommt mal alle her!"

Die Arbeiter im Steinbruch sahen auf. Hatte er wieder etwas gefunden? Schon seit Wochen wühlten Sie in den schwarzen, braunen und roten Erd-und Sandschichten herum, gruben Löcher und schaufelten Hügel zur Seite. Hier, an der Nordseite des Vulkans war vor zigtausend Jahren alles heruntergekommen: Unmengen von Asche und Glut, heißer Schlamm und Staub, Feuer und Hitze, Glut und Lava hatten in einer einzigen nächtlichen Eruption alles Leben im Umkreis von Kilometern ausgelöscht: Überraschend, ohne Ankündigung, gnadenlos. Und das Leben war erstarrt in dieser Nacht vor dreissigtausend Jahren, so wie es war. Immer wieder hatten sie Basaltbrocken gefunden, große und kleine; schwarz wie die Nacht, schwarz wie Kohle, Reste einer vergangenen Glut. Bis nach Italien waren sie geflogen, die Brocken aus dem glühenden Krater.

Und so manches Geheimnis hatte die Asche eingeschlossen, festgehalten, verborgen vor dem Blick der Jahrhunderte. Niemand wußte, was der nächste Hieb der Spitzhacke zu Tage förderte.

Joe hatte schon immer Glück gehabt. Die mächtigsten, wohlgeformtesten Brocken hatte er gefunden, Brocken, die zum Bau des hohen Domes genutzt wurden. Viel Geld hatten sie verdient, Steine von solch gleichmäßiger Form waren selten. Aber sie liessen sich einfach verbauen, und so hatten sie alle die Warnungen all der Alten überhört: Steine, die wie diese fünfeckig seien, trügen den Fluch des Vulkans in sich. Und sie in einer Kirche zu verbauen, noch dazu im hohen Dom, sei ein Frevel, der sich rächen würde.
Und wie zum Hohn, spiegelte der Dom oft am frühen Abend die Sonne auf seiner glänzenden Oberfläche in einer schon widernatürlichen Art; manche behaupteten gar, sie hätten ihn schon rotglühend gesehen, als die Sonne unterging.

"Ich habe was gefunden!" rief Joe, "seht Euch das nur an". Seine Stimme war voller Aufregung, und sie liefen zusammen. So hatten sie Joe, der doch ein ruhiger, eher gelassener Mensch war, noch nicht gehört.
"Seht mal", vor Aufregung überschlug sich seine Stimme fast, "habt Ihr sowas schon mal gesehen?" Vor ihm, halb aus dem Sand gegraben, ein Stein: Schwarz glänzend, mit glatter Oberfläche, wie poliert. Und es schien als liefen feine Wellen noch schwärzerer Farbe darüber - nein keine Farbe, es war als blicke man tief in das Universum, auf den Grund der Welt, als müßten dort doch die Sterne funkeln. Und jeder hatte das Gefühl, als zöge der Stein ihn an, drohe ihn aufzusaugen, locke mit finsterer Kraft in die Ewigkeit.
Gleichmäßig war er, zu gleichmäßig mit seinen fünf Ecken.
Vorsichtig lockerten sie ihn, gruben Sand darunter ab, um ihn langsam zu Boden gleiten zu lassen. Erst bewegte er sich nicht, dann aber, ganz langsam begann er zu rutschen. Sie ächzten und stöhnten der Schweiss rann ihnen über die Stirn und den Rücken; und dann, mit einem Geräusch, als löse sich ein Seufzer aus der Ewigkeit, ließ er sich herausziehen, um dann plötzlich der Erde entgegen zu stürzen, mit schwerem Poltern aufzuschlagen, drohend liegenzubleiben.

Und dann geschah es, das Unglück, das so lange schon in der Luft hing: Joes Hacke rutschte ihm aus der Hand, fiel dem Stein entgegen, wurde angezogen von ihm, schlug auf ihm auf, mit einem seltsamen, fast dumpfen Stöhnen. Und dann zischte es, erst leise, dann immer deutlicher, lauter werdend, zum Rauschen sich erweiternd. Es klang, als höben sich tausend Dämonen in die Luft, als flatterten alle Höllengeister auf einmal davon - und die Luft war erfüllt von Gewisper, von Geschnatter und Gekicher. Und aus dem Stein, dort, wo die Hacke aufgeschlagen war, quoll Nebel, erst wenig, dann immer mehr, erfasste erst die Füße der Freunde, dann die Knie, klebte an den Beinen, kroch hinauf und hüllte sie ein, verklebte ihre Gedanken mit kaltem weißen Rauch.

Und dann hörten sie es: Hämisch mit ungeheurem Hass zischelte es um sie herum: Er danke recht freundlich für seine Befreiung, und alle die Fesseln, die gesprengt um ihn gewesen, nun sei er sie los und werde sie verstreuen in alle Winde, verstecken in den Elementen, die Wege verwischen, den Bannspruch vergessen und dergleichen mehr. Und niemand, niemand in dieser Welt könne ihn wieder bannen, denn den Bannspruch sei er los. Gelähmt, ohnmächtig und voller Angst standen sie dort und hörten, und verstanden erst nicht. Und dann erhob sich ein Brausen, erfasste den Nebel und Fetzen eines fremden Spruches, und ein Wind verwirbelte alles und zerstreute es in alle vier Richtungen. Und der Wind legte sich, Stille trat ein, und sie wußten nicht, ob das wahr war, was sie eben erlebt hatten.

Oktober 98

Geschrieben als Einleitung zu einer Rallye, bei der Elemente der Geschichte im Wald rund um den Laacher See gefunden werden sollten.

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