Guenter Klarner - Geschichten
Völkerverstädigung

Neblig wachte der Morgen auf. Langsam drang die Sonne durch, verschaffte sich Platz, begann, die Autobahn zu erwärmen. Rosi und zwei ihrer Schülerinnen warteten schon, als ich auf die Raststelle einbog. Nach Paris sollte es gehen, zum 3. Internationalen Pädagogenfriedenskongress. Punkt zwölf Uhr war die Eröffnung im Gebäude der UNESCO, und wir waren gespannt, was uns erwarten würde. Rosi unterrichtete an einer Dortmunder Gesamtschule, eine ihrer Schülerinnen war Marokkanerin.

Über Belgien wollten wir über Nationalstrassen nach Frankreich, auch um uns die Autobahngebühren zu sparen. Kurz nach acht erreichten wir einen kleinen Grenzübergang zwischen Belgien und Frankreich. Ein kleines Blechhäuschen mitten auf der Strasse, rechts und links ein Schlagbaum. Drinnen zwei Zöllner: Ein Franzose und ein Schwarzafrikaner.

"Le Passport, sil vous plait" forderte uns einer der beiden auf, unsere Pässe vorzuweisen. Kein Problem, sie lagen schon bereit. Ich reichte sie durchs Fenster und ging davon aus, dass wir nun einfach durchgewinkt würden. Weit gefehlt. Nach intensivem Studium der Pässe deutete er auf die Marokkanerin und fragte: "Visa?" Das verwunderte uns, hatte sie doch in Dortmund schon gefragt, ob sie eines brauche. Nein, war die Antwort gewesen, sie brauche keines. Das versuchten wir nun dem Zöllner zu vermitteln. Ein Problem war da allerdings: Unsere Kenntnis der französischen Sprache war eher gering entwickelt, englisch verstanden die beiden nicht, deutsch schon gar nicht. Wir versuchten, ihnen zu vermitteln, dass das Konsulat in Dortmund mitgeteilt hatte, ein Visum sei nicht erforderlich. Vergebens. Es war nicht möglich, heraus zu bekommen, ob sich die Bedingungen in der Zwischenzeit verändert hatten, oder ob nur einfach der Grenzposten das noch nicht wusste, oder ob... egal. Wir standen vor dieser Grenze, und hatten nicht die richtigen Papiere. Ein Redeschwall des französischen Grenzers mit vielen Erklärungen half uns auch nicht weiter, schon, weil wir einfach nicht verstanden, was er uns da alles mitteilte. Jedenfalls schien das alles sehr verwickelt zu sein. Sein Kollege hatte in der Zwischenzeit begonnen, aus den Fächern eines Büroschrankes in diesem Blechhäuschen alle möglichen Formulare zu ziehen. Dann hatte er sie alle vor sich ausgebreitet und brütete nun darüber; wahrscheinlich dachte er gerade angestrengt darüber nach, wie er die alle auszufüllen hatte.

Dann machte der Zöllner, der noch immer am Wagen stand, einen Vorschlag: Wir sollten nach Brüssel fahren, uns dort ein Visum besorgen, dann könnten wir einreisen. Jedenfalls rekonstruierten wir das gemeinsam mit unseren wenigen Kenntnissen der französischen Sprache aus dem, was er uns da zu sagen versuchte.

Gemeinsam versuchten wir ihm zu vermitteln, dass wir genau um zwölf Uhr in Paris sein mussten, um an der Eröffnungsveranstaltung teilzunehmen - vergebens. Sein Kollege war mittlerweile dabei, die Stempel auf unseren Pässen abzumalen. Und dann bekam er einen Schreibkrampf - jedenfalls schüttelte er seine Hand, schimpfte und versuchte (merde), deutlich zu machen, dass er das alles nicht mehr abschreiben könne, weil seine Hand nicht mehr mochte.

Wir waren in einer Patt - Situation. Der Schwarzafrikaner konnte nicht mehr schreiben, wir hatten kein Visum, Brüssel war zu weit, Was tun? Ich versuchte, noch mal deutlich zu machen, dass wir um zwölf Uhr in Paris sein müssten um an der Eröffnung des Plenums des Kongresses teilnehmen zu können. Und dann fiel mir ein: Ich hatte doch noch die Anfahrtsbeschreibung zum Eröffnungsplenum bei mir, auf dem der Ort, der Beginn des Plenums und der Veranstalter draufstand. Ein wenig suchen... da war der Brief. Ich zeigte ihn unserem Zöllner, zeigte auf den Ort und die Uhrzeit für den Beginn.
Ein Ruck ging durch seinen Körper. Oben auf diesem Schreiben war der offizielle Kopf der UNESCO. Wir konnten fast sehen, was sich in seinem Kopf tat: Vielleicht waren wir wichtige Leute, auf einer internationalen Mission? Was, wenn wir auf Einladung der UNESCO nach Paris reisten, vielleicht noch mit offiziellem Auftrag der Bundesregierung? Oder aber mit Wissen der französischen Regierung? Vielleicht waren wir Diplomaten?

Für den Zöllner eine unlösbare Situation: Einerseits musste er auf die Einhaltung der Einreisebestimmungen achten, andererseits könnten sich aus der Verweigerung unserer Einreise schwere diplomatische Verwicklungen ergeben...

Er verschwand in sein Blechhäuschen um mit seinem Kollegen die Situation zu besprechen. Und dann kam er wieder an unser Auto. "Monsieur Le Professeur, " begann er, der Rest ließ sich für uns nur aus dem, was er sagte und zeigte, rekonstruieren. Jedenfalls schlug er uns vor, zurückzufahren bis hinter die nächste Wegbiegung, dort bis zehn zu zählen, und dann wieder auf die Grenze zu zu fahren. Er und sein Kollege würden dann den Schlagbaum vergessen haben zu schließen, sie würden auch in die andere Richtung (rein zufällig) blicken, und nicht mitbekommen, dass wir über die Grenze einreisen. Aber wir hätten leise zu sein, damit es sein Chef (wer auch immer das war) nicht mitbekam.

Gesagt, getan. Den Bus gewendet, hundert Meter zurück hinter die nächste Wegbiegung, den Bus erneut gewendet, dann bis zehn zählen. Und ab an die Grenze. Und in der Tat, der Schlagbaum war oben, beide Grenzer wandten uns den Rücken zu, die Hände darauf gefaltet, wahrscheinlich ein lustiges harmloses Liedchen pfeifend. So sind wir illegal nach Frankreich eingereist, mit der Frage im Herzen, ob ein deutscher Zöllner in gleicher Situation zu einer ähnlichen salomonischen Entscheidung fähig gewesen wäre.

Juli 2000

Guenter Klarner Geschichten