Guenter Klarner - Geschichten
Schmutz

"So'ne Scheiße!" schimpfte Martin wie ein Rohrspatz. Mit einem Quietschen der Bremsen hielt er sein Fahrrad an. Er schüttelte sich wie ein nasser Pudel; nass und besprenkelt mit braunem Pfützenwasser stand er am Straßenrand und konnte sich kaum noch einkriegen. "Nu mach dich mal nicht ins Hemd!" versuchte ihn Janin zu beruhigen. "Ist doch nur Pfützenwasser!" "Mein Vater wird mir was anderes erzählen. Waschen tut der überhaupt nicht gerne. Und die Hose ist ganz neu!"

Der LKW, der die Ursache für Martins Ärger war, stand an der nächsten Ampel. "So ein Schwein!" schimpfte Martin aufgebracht weiter. "Den kriegen wir noch!" Lisa schwang sich wieder auf ihr Fahrrad. " Na los, kommt doch!" " Und dann?" Tim konnte den Sinn nicht ganz verstehen. Und er hatte keine Lust, hinter dem LKW herzufahren. Wozu auch! "Und dann?" Martin stellte die gleiche Frage. "Na ist doch klar, der muss dir die Reinigung bezahlen!" "Ich weiß nicht..." Martin war skeptisch. "Na los, es wird gleich grün," drängte Janin. "Ok, Ok". Nicht ganz überzeugt, stieg auch Martin wieder auf sein Rad.

Jetzt mussten sie sich beeilen - die Ampel schaltete gerade auf gelb. Eine schwarze Wolke stob aus dem Auspuff des LKW, als er anfuhr. Mit Schwung traten sie in die Pedalen.

"Merk dir das Nummernschild!" rief Lisa. Kalt wurde es, als Martins Hose im Fahrtwind zu trocknen begann. Verdammt kalt. Nicht nachdenken - strampeln, dachte er. An der nächsten Ampel holten sie den LKW fast ein. Aber nur fast. Und dann bog er ab. Es ging in Richtung Industriegebiet. "Den kriegen wir nie!" rief Martin nach hinten. "Weiter!" antwortete Lisa. Wieder bog der LKW ab. Ächzend und fluchend strampelten die vier hinterher. Mit surrenden Reifen flogen sie förmlich um die Ecke. Vor ihnen eine schnurgerade Strasse, die an einem weit geöffneten vergammelten Blechtor endete. Der LKW war verschwunden.

"Der muss da rein sein!" rief Janin, als sie alle vier mit quietschenden Bremsen vor dem Tor hielten. Ein Schild stand davor. "Betreten verboten. Einsturzgefahr" stand darauf. "Da steht er ja!" rief Lisa. Ein Arbeiter kam aus einem Fabriktor, vor dem der LKW stand. Die Plane war ein wenig zurückgeschlagen. Gelbe Fässer standen auf der Ladefläche. Der Arbeiter sah sich um. Dann stieg er auf die Ladefläche. "Puh - der hat uns nicht gesehen!" meinte Lisa. "Wieso, der soll uns doch sehen. Oder wie meinst du, krieg ich die Reinigung bezahlt?" Martin wollte durch das Tor fahren. "Merkst Du das nicht?" flüsterte Lisa, "da ist doch was faul! Und außerdem steht da doch was von Einsturzgefahr!" "Was soll denn da faul sein?" flüsterte Martin ärgerlich zurück.

Ein zweiter Arbeiter kam aus der Fabrik und stieg auch auf den LKW. Gemeinsam packten sie eines der gelben Fässer und wuchteten es vom LKW. Dann trugen sie es durch das Tor in die Fabrik. "Hast du das Nummernschild aufgeschrieben?" "Wie denn? Beim Fahren?" Martin kramte in seiner Jackentasche herum und förderte einen Stift zu Tage. Aus seiner Schultasche klaubte er das Matheheft heraus, klappt es auf und schrieb die Nummer innen auf den Umschlag. "Ok. Fertig." sagte er. "Und was machen wir jetzt?" "Lass uns nach Hause fahren," nörgelte Tim herum. Er hatte keine Lust mehr, hinter fremden Lastern herzuschnüffeln. Und die Arbeiter sahen auch nicht gerade so aus, als ob sie die Reinigung für diese bekloppte Hose zahlen würden, dachte er. "Nein, nein," Lisa war ganz aufgeregt, "seht ihr das denn nicht? Die laden da irgendwas ab. Und jede Wette, dass das nicht erlaubt ist!"

"Und was willst du machen?" Janin sah sie an. "Weiß nicht. Vielleicht sollten wir zur Polizei gehen?" "Nein, wir sehen nach, was das ist!" Martin sah sich schon als großen Detektiv. "Wir warten, bis die weg sind, und dann sehen wir einfach nach, was da drin ist!" "Bist du verrückt?" Lisa sah ihn streng an. "Das ist doch viel zu gefährlich! Du weißt doch gar nicht, ob da nicht was Giftiges drin ist. Und hier steht groß dran, dass da Einsturzgefahr besteht. Das ist 'ne Sache für die Polizei!" belehrte ihn Janin. Martin sah sie an. Fast hätte er das "Plopp" gehört, als seine Träume von Ruhm und Ehre als großer Detektiv platzten. Aber eigentlich hatte Janin recht. "Ok. Abmarsch!" meinte er nach kurzem inneren Ringen und schwang sich auf sein Rad. Als sie vor seiner Haustür hielten, fiel ihm seine Hose wieder ein. Mist, die hatte er doch ganz vergessen. "Dann bis morgen. Nach der Schule gehen wir zur Polizei! Und ich hoffe ihr seid da alle dabei!" "Ehrenwort!"

"Nun, wie war dein Tag?" fragte sein Vater beim Abendessen. "Na ja," sagte Martin so beiläufig wie nur möglich. "Und was hast Du mit deiner Hose gemacht?" Martin druckste etwas herum. Aber dann erzählte er von ihren Erlebnissen. Sein Vater fand, dass sie die ganze Sache etwas dramatisierten. Da sei sicher nichts besonderes dabei, aber er könne sie ja von der Schule abholen und zur Polizei fahren, meinte er. Ungemütlich rutschte Martin auf seinem Stuhl hin und her. Das fehlte gerade noch. So war er froh, als das Telefon klingelte und er sich verdrücken konnte.

"Kannst du mir deine Mathe-Hausaufgaben leihen?" fragte Sven. Irgendwas habe er da wohl nicht verstanden.... "Na klar, ist doch Ehrensache" antwortete Martin. Zehn Minuten später stand Sven vor der Tür. "Komm rein," begrüßte ihn Martin und ging mit ihm in sein Zimmer. Als er ihm das Matheheft gab, fiel Svens Blick auf die Notiz mit dem Autokennzeichen. "Wo hast du die denn her?" fragte er. "Wieso?" fragte Martin zurück. "Ist die Nummer vom LKW meines Vaters, " stellte Sven fest. "Was willst du damit?" Ihm fiel jetzt nichts besseres ein, als die Sache mit der Hose zu erzählen. "Ach so," Sven grinste, "mein Vater wird dir bestimmt die Reinigung bezahlen. Der hat das bestimmt nicht gemerkt. Ich frag ihn mal. Also dann bis morgen!" Und schon war Sven wieder verschwunden.

Jetzt saß er ja schön in der Tinte. Sollte er den Vater seines Freundes verraten? Dann wussten doch alle gleich, woher die Polizei das Autokennzeichen hatte. Aber wenn die Fässer nun gefährlich waren? Aber vielleicht waren die ja auch ganz harmlos, versuchte er sich zu beruhigen. Aber irgendwie ahnte er, dass es sich dabei nur um eine fromme Hoffnung handelte.

" Ich glaub, wir müssen mit dem Vater vom Sven reden," schlug Lisa am nächsten Tag vor, nachdem Martin ihr berichtet hatte, wie die Dinge jetzt lagen. "Aber zuerst müssen wir Sven einweihen," fand Martin. "Und dann?" "Ich weiß auch nicht, erst mal reden, dann sehen wir weiter!" Sven hörte sich ihre Erzählung an und verzog keine Miene. Als sie fertig waren, atmete er geräuschvoll aus. "Das is ja ein Ding!" konnte er nur sagen. "Und jetzt?" "Wir müssen mit deinem Vater reden! Der muss die Fässer wieder wegbringen, bevor irgendwas passiert!" Sven wurde blass. Ihm ging durch den Kopf, dass er vor drei Tagen noch mit Freunden zusammen das Gelände der Fabrik erkundet hatte. Dabei hatten sie einige blaue Fässer gefunden und sie herumgerollt. Keiner hatte sich was dabei gedacht. Und heute Nachmittag wollten sie eines davon aufmachen, um zu sehen, was darin sei. Eile war also angesagt. "Ich ruf meinen Vater an!" sagte er.

Eine Stunde später saßen sie zusammen. Martin druckste etwas herum, es fiel ihm schwer, einen Anfang zu finden. "Na, was ist?" fragte Svens Vater ungeduldig. Martin begann zu erzählen. Von seiner Hose, der Verfolgung des Lkws, wie sie das Kennzeichen notierten und dann die Fässer sahen. Svens Vater atmete laut aus, als Martin fertig war. Man sah ihm an, das ihm ganz ungemütlich zumute war. "Und was soll ich jetzt eurer Meinung nach tun? Ihr wollt doch was von mir!" Sven und Martin sahen sich an. "Die Fässer müssen da wieder rausgeholt werden." "Aber die Fabrik wird doch sowieso bald abgerissen!" versuchte sich Svens Vater zu entschuldigen. Sven erzählte von ihrem Plan, an diesem Nachmittag eines der Fässer zu öffnen. Svens Vater wurde blass. Wortlos stand er auf und ging zum Telefon. "Ich habe die Feuerwehr verständigt. Und ich fahre mit dem LKW hin, wieder aufladen. Meinen Chef habe ich auch verständigt. Der wird wohl jetzt eine ganze Menge Ärger bekommen. Schließlich war es doch seine Idee."

"Na, du Umweltdetektiv," grinste der Vater von Martin, als er am Abend nach Hause kam. "Heute deinen ersten Fall gelöst?" Martin grinste etwas schräg und verlegen. Er war froh, dass die ganze Angelegenheit glimpflich abgegangen war.

Februar 2001

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