Guenter Klarner - Geschichten
Räuber

"Mein Gott, du gehst mir auf den Geist mit deinem Genörgele!" Lisa sah Martin an. Das saß. Martin biss sich auf die Lippe.

Dabei war ihm wirklich kalt. Schnatternd und mit nassen Füssen war er eben zurückgekommen. Zurückgekommen von seiner ersten Ski-Stunde. Irgendwie konnte er die Begeisterung der Anderen gar nicht verstehen. Alle Nase lang war er gestürzt, seine Handschuhe waren nicht dicht, Schnee war in seine Stiefel gerutscht, und zu guter Letzt war er mit vollem Tempo in ein Gestrüpp am Rande der Piste geschliddert. Da hatte es gereicht. Den Spott seiner Klasse, den hätte er noch ertragen. Aber dass Lisa zugesehen hatte, das hatte ihm doch schwer zu schaffen gemacht, schwerer, als er freiwillig zugegeben hätte.

"Ich lern das nie! Das kann man ja gar nicht lernen," meckerte er herum und übersah dabei geflissentlich die gegenteiligen Beweise, die hier überall herumliefen.

"Jau. Jeder hat doch mal so angefangen. Ist doch kein Grund, so rumzujammern!" Lisa sah ihn kopfschüttelnd an. Dass die Jungs auch immer wieder einen Grund zum Jammern haben. "Und so'n bisschen Schnee wirst du doch verkraften können!" Lisa war leidenschaftliche Skiläuferin. Das machte die Sache schwer. Martin war nämlich nicht unbedingt Sportler. Seine Fähigkeiten lagen wohl mehr im Umgang mit dem Internet - nichts besonderes, fand Lisa.

""Warum seid ihr Jungs nur immer so zimperlich!" Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Die nicht unwidersprochen bleiben konnte. "Stimmt doch gar nicht..." versuchte Martin zu antworten. Lisa schnitt ihm das Wort ab: "Jedes Weh-Wehchen wird ausgiebig bejammert, es ist zu kalt und auch zu nass, der Schnee ist zu grell... Den ganzen Morgen geht das schon so. Solltest dich mal hören!" Lisa drehte sich um und schlenderte zu einem schnittigen Skifahrer rüber, den sie schon seit ihrer Ankunft in diesem Skiparadies anhimmelte.

Er musste was unternehmen, das war Martin klar. Nix, aber auch gar nix wollte ihm einfallen. Drei Tage grübelte er darüber nach.

Eiskalt war es. Schon frühmorgens hatte sich der Himmel grau bezogen. Es roch nach Schnee. Eine Langlauf-Wanderung war geplant. Keiner war so recht begeistert. Bei diesem Wetter schon gar nicht. Und im ersten Teil hatten sie auch noch eine Steigung zu bewältigen. Sicher, hinterher ging's dann einfach nur abwärts... Martin schnürte seine Skischuhe zu.
Spät war es gestern geworden. Bis tief in die Nacht hatten sie gefeiert. Noch zwei Klassen waren auf Winterklassenfahrt hier. Neue Freundschaften waren entstanden, und der Plan, heute ein Wetttrennen zu veranstalten. Dazu wollten sie die geplante Wanderung nutzen.

Natürlich hatten alle behauptet, dass ihre Klasse die besseren Skiläufer habe, dass sie mehr Kondition habe und überhaupt, besser als die anderen beiden sei. So war die Idee eines Wettstreites entstanden.

Argwöhnisch hatte Martin zusehen müssen, wie ein Typ aus einer der anderen Klassen Lisa anbaggerte. Den ganzen Abend lungerte er in ihrer Nähe herum. Der hatte sich wer weis was aufgespielt mit einer blödsinnigen Geschichte von einem "Skiräuber", der seit einem Monat in der Gegend sein Unwesen treibe und in einem schneeweißen Skidress ahnungslose Touristen überfalle und dann ausraube. Das war ja kaum zum Aushalten, wie der Typ sich wichtig machte...

Ächzend stand Martin auf. Würde ein schwerer Tag werden. Zum Glück hatte er erreichen können, dass er und Lisa ein Laufpaar bilden sollten. So würde er etwas Zeit haben, mit ihr zu reden. Noch wusste er nicht worüber, aber das würde sich schon finden.
Lisa war gut. Verdammt gut. Er hatte seine liebe Mühe, mit ihr mitzuhalten. Und dann fing es auch noch an, zu schneien.
Zwei Stunden liefen sie nun schon mehr oder weniger still hintereinander her. Ein Gespräch zu führen, war nahezu unmöglich. Martin hatte sich das anders vorgestellt, aber die Wanderung war einfach zu anstrengend, um auch noch zu reden, zumal sie auf der Loipe auch nur hintereinander laufen konnten. Und dann war Lisa viel schneller, sie lief immer ein gutes Stück voraus. Sie verfügte einfach über die bessere Kondition.

Plötzlich kam aus einem Waldweg ein Skifahrer im weißen Skianzug mit hohem Tempo, setzte sich vor Lisa und stellte sich quer. Lisa konnte nicht mehr rechtzeitig anhalten und mit einem dumpfen Laut stürzten beide in den weichen Schnee.
Es ging alles sehr schnell. Lisa kreischte, dann schrie sie: "Mein Handy, gib mein Handy wieder her!" Martin sah, wie der Skifahrer versuchte, aufzustehen. Lisa versuchte zwar, ihn festzuhalten, aber gegen ihren weitaus kräftigeren Gegner hatte sie keine Chance. Während Martin noch zu den beiden vorhechtete, sah, er dass sich der Angreifer gerade von Lisas Griff befreien konnte. Und dann hatte er ihn erreicht. Mit lautem Geschrei stürzte er sich auf den Fremden und riss ihm das Handy wieder aus der Hand. Mittlerweile hatte sich auch Lisa wieder aufrappeln können, und stürzte ebenfalls auf ihren Angreifer zu. Der hatte sich aus Martins Griff befreien können und so schnell, wie er aufgetaucht war, war er auch wieder verschwunden.

Mittlerweile waren die nächsten Läufer hinter ihnen aufgetaucht. Sie hatten den letzten Teil des Überfalls mitbekommen, waren aber nicht schnell genug, um die Flucht des Räubers noch verhindern zu können. "Danke," sagte Lisa. Die anderen wollten wissen, was passiert war und ließen sich alles über Martins beherzten Eingriff erzählen. Für einen kleinen Moment konnte sich Martin als Held des Tages fühlen.

"Da, da sind seine Spuren!" In der Tat. Der Räuber hatte eine deutliche Spur hinterlassen. Sie führte direkt in den Wald neben dem Weg. "Hinterher!" rief Tim, der nun auch die Stelle des Überfalls erreicht hatte. "Wir brauchen doch nur den Spuren zu folgen!" "Das hat doch keinen Sinn," wagte Martin einen Einwand. "Der ist doch längst über alle Berge!" "Quatsch, der Tim hat ganz recht!" Lisa bestand auf der Verfolgung. "Wir brauchen doch nur seiner Spur zu folgen!" "Wer weiß, wo wir da hinkommen," versuchte Martin noch einen Einwand. "Und passiert ist doch eigentlich auch nichts!" Aber da hörte schon niemand mehr zu. Johlend verschwand die Meute im Wald, immer der Spur der Skier nach. Nach hundert Metern bog sie scharf nach rechts ab, um dann in Richtung des Startpunktes ihrer Wanderung zu verlaufen. "Seltsam," stellte Tim fest, "der muss im gleichen Ort wie wir wohnen. Aber warum riskiert der es, den anderen entgegenzufahren? Da wird er doch leicht zu schnappen sein!" Tim nestelte an seinem Skianzug herum. Dann hatte er sein Handy herausgezogen. "Ich ruf mal Janin an. Vielleicht kommt er den anderen entgegen!"

Janin versprach, die Augen offen zu halten. Und richtig: eine halbe Stunde später klingelte Tims Handy: Janin war dran und teilte mit, dass sie den weißen Skiräuber gefasst hätten. Nach einer wilden Verfolgungsjagd hätten sie ihn kurz vor der Jugendherberge fangen können. Und er solle sich auf eine Überraschung einstellen: Es sei ein Schüler aus einer der anderen Klassen!

Natürlich wurde der Wettbewerb abgebrochen. Nun wollte jeder die Auflösung des Falles erleben. Alle kehrten zurück. Nur Martin beschlich ein mulmiges Gefühl. Als er mit Lisa an der Jugendherberge ankam, wurden sie schon erwartet. "Kommt mal mit!" Mehr sagte ihr Klassenlehrer nicht. Martin folgte ihm mit weichen Knien. Im Lehrerzimmer saß schon der Räuber. Ganz kläglich sah er aus. Und als Martin zur Tür hereinkam, sprang er auf, zeigte auf Martin und rief ganz aufgeregt: "Der war es! Der hat mich angestiftet!" Lisa sah Martin fragend an. Martin fühlte sich ungemütlich. Das war schief gegangen. Gründlich schiefgegangen.

Langsam und zögernd rückte er mit der Wahrheit heraus: Der ganze Überfall war eine Idee von Martin gewesen. "Ich wollte Lisa zeigen, dass ich mutig bin, und sie beschützen kann..." erzählte er. Die Geschichte von dem weißen Skiräuber hatte ihn inspiriert, und auf der Party gestern Abend hatten sie den Plan ausgeheckt: Martin würde Lisa bei einem Raubversuch schützen und der Held sein. Ein Räuber war auch schnell gefunden, diese Rolle übernahm ein Schüler aus einer der anderen Klassen.

Wie ein Häuflein Elend saß Martin nach seiner Erzählung auf seinem Stuhl. "Kannst du mir verzeihen?" Zaghaft sah er Lisa an.

"Männer," sagte sie mit einem ironischen Unterton in der Stimme, drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.

Februar 2002

Guenter Klarner Geschichten