Guenter Klarner - Geschichten
Pfingstcamp

Robert rümpfte die Nase. "Sieh mal, die Asis!" Sven sah sich um: "Wo?". "Na, da drüben! Das die auch hierher kommen... Das kann ja was werden!" Man konnte die Begeisterung von Robert geradezu hören. Dabei hatte er sich schon den ganzen Mai auf das Pfingstcamp gefreut. Diesmal würden sie das Fussball - match gewinnen, das hatte sich seine Gruppe fest vorgenommen. Und das würde kein so´n Asi vermiesen. "Wieso kann das was werden...?" Sven hakte nach. "na, ja, wie ich Die hier kenne, sollen die doch bestimmt beim Fussballmatch mitspielen! Dabei haben die ja noch nicht mal anständige Treter!" Robert sah stolz auf seine Nikes hinunter.
Sie waren nicht mehr neu, dafür gut eingelaufen. "Wer hat keine anständigen Treter?" Robert hatte gar nicht bemerkt, das da jemand hinter ihm stand. Erschrocken drehte er sich um. Und dieser jemand schien ausgerechnet zu der Gruppe zu gehören. Bruno hiess er und war nicht gerade schmächtig.

"Na? Was ist mit meinen Kumpels?" Lauernd sah ihn Bruno an. "Passt Dir was nicht? Musst es nur sagen, Du...."
"Bruno!" Peter, der Betreuer von Brunos Gruppe rief über den Platz."Helf mal das Zelt aufzubauen!"
"Pass bloss auf, Du... " Bruno drehte ab und rannte über den Platz.
"Puhhhh, das war knapp" Robert atmete hörbar aus. "Arschloch !" traute sich Sven zu sagen, jetzt, wo Bruno weg war.

Punkt sechs gab`s Abendessen. Aufschnitt und für jeden ein Stück Pizza. "Na? Gefällts Dir hier?" Peter schob seinen Hintern auf die Bank neben Robert. Dabei balancierte er das Tablett mit Wurst, Käse, Brot, Pizza und einem Becher Tee fast artistisch auf den Tisch. "Na ja," brummelte Robert. Große Lust auf ein Gespräch hatte er nicht. Schon gar nicht mit dem Asi - Betreuer. Er mampfte die Pizza in sich hinein, und war froh, das er einen Grund hatte, nicht zu reden. "Mit vollem Mund spricht man nicht!" sagte seine Mutter immer. War der ganze Anstandskram doch zu was nütze.
"Sach mal...." Peter sprach langsam, als ob er noch überlege, was er eigentlich sagen wollte,"wir wollten heute abend ein Match veranstalten, hast Du nicht Lust, mit Deinen Jungs dran teilzunehmen?" Das hatte Robert befürchtet. Genauso hatte er sich das vorgestellt. Ein Match gegen die Asis...
"Na?" Peter hakte nach. "Bruno meinte, ihr hättet keine Chance gegen seine Gruppe." Alle am Tisch sahen ihn jetzt an. Ausweichen konnte er jetzt nicht, das fühlte er. Sonst glaubten die noch, sie hätten Schiss. Oder keine Chance. "Heute abend schon?" fragte Robert, um Zeit zu gewinnen. Vielleicht fiel ihm ja noch irgendeine Ausrede ein. Dabei wußte er zu genau, dass es keine Ausrede gab. "Ja, genau. Heute. Um acht Uhr ist Anpfiff! Und bis sieben hätte ich gerne die Mannschaftsaufstellungen. Geht das?."

Ihre Mannschaft hatten sie schnell zusammengestellt. Und schon um halb acht konnte Robert seine Befürchtungen schwarz auf weiss auf der Wandzeitung lesen: Punkt acht trat seine Truppe an, gegen die Mannschaft von Bruno. Als sie auf das Spielfeld liefen, sah er aus den Augenwinkeln einen hämisch grinsenden Bruno. "Dir arrogantem Schwein werden wir es zeigen!" stand in seinem Gesicht zu lesen. Und er wußte: Das würde hart werden. "Männer, nicht unterkriegen lassen, die Show schmeissen wir!" rief er laut.

Die erste Halbe Stunde ging alles gut. Doch kurz vor der Halbzeit, da passierte es dann. Robert schrie plötzlich auf, fiel zu Boden und krümmte sich. "Foul, Foul!" riefen ein paar seiner Kumpels und stürzten sich wütend auf die Mannschaft von Bruno. Alles ging blitzschnell. Peter stürmte in die Mitte des Platzes. Auf dem Platz war ein wildes Knäuel tretender Jungs. Aus den Zelten kamen andere Betreuer gerannt. Und in Null komma nix war die schönste Keilerei im Gang. Immer mehr Teilnehmer rannten herbei. In der Mitte versuchten die Betreuer, die beiden Mannschaften zu trennen. Langsam aber sicher bekamen sie die Oberhand.

"Lagervollversammlung!" wie ein Lauffeuer ging die Nachricht rund, und eine Viertelstunde später sassen sie alle im Kreis in dem großen Zelt. "Ich möchte wissen, was da jetzt los war" begann Peter.
Betretenes Schweigen. War doch ihre Sache. Ging doch die Betreuer nix an. Die mussten sich jetzt nicht noch einmischen. Und regeln konnten sie das schon allein. Nachher. Wenns dunkel war.
Spannung lag in der Luft.
"Na? Ich warte." Peter sah im Kreis herum. "Robert, Du warst doch mittendrin. Erzähl schon."
"Ach, der Bruno hat mich getreten," fing er an, fast beiläufig, als sei das alles nicht wichtig. "Boah, Du spinnst wohl!" Bruno konnte sich nicht halten,"Du Muttersöhnchen, gestolpert bist Du, weil Du nicht spielen kannst!" Das war ein Angriff auf seine Ehre. "Asi!" "Streber!" "Knallarsch!"

Lisa meldete sich. "Ich finde, so hat das gar keinen Zweck. Ich schlage vor, das sich erstmal alle in ihren Gruppen beraten und das diskutieren. Und morgen nach dem Frühstück diskutieren wir das nochmal." Beifall. "Ok. Ok. Das ist glaube ich ein guter Vorschlag. Ich schlage vor, darüber abzustimmen." Das Ergebnis war deutlich. Einstimmig wurde beschlossen, die Diskussion im großen Kreis nach dem Frühstück fortzuführen.

An diesem Abend wurde in allen Zelten noch lange beraten, bevor endlich Ruhe eintrat und sich der Schlaf über den Platz senkte.

Niemand hatte bemerkt, dass sich dunkle Wolken über den Platz zusammengezogen hatten. Plötzlich wurden sie von einem lauten Donnerschlag aus dem Schlaf gerissen. Blitze zuckten. Wieder ein Donnerschlag. Fast im gleichen Augenblick begann es zu regnen. Ströme von Wasser ergossen sich über den Platz, die Zelte, den Rasen. Und dann hörten sie ihn kommen: Rauschend und brausend näherte sich der Wind. Brach herein über die Zelte, schüttelte sie, bis die Heringe sich lockerten. Jäh aus dem Schlaf gerissen, vom Schreck fast gelähmt, hockten sie in ihren Zelten, klammerten sich an den Zeltstangen fest, versuchten zu verhindern, dass die Zelte mit dem Sturm davonflogen. Und da hob sich das erste Zelt vom Boden - ein kurzer Kampf der Bewohner, ein Rütteln, ein Schütteln und knatternd flog es davon, verfing sich im nächsten Baum.
Es war das Zelt von Bruno.

"Hä, hä...," schadenfroh und hämisch lachte Robert. "nicht mal so ein bisschen Sturm halten die Billigzelte von den Asis aus!" Seine Rachegelüste waren voll befriedigt. Im Hintergrund flog das zweite Zelt davon, wurde vom Wind über den Platz getrieben. Schreiend und kreischend rannten seine Bewohner hinterher. Robert wollte gerade losprusten; zu komisch sah das aus; da merkte er wie sein Zelt zu hüpfen begann, sich dann ganz langsam hob, noch zweimal zuckte und gemächlich zur Seite davon flog. Augenblicklich klatschte ihm der Regen in das Gesicht.

Und dann hatten die ersten ihren Schrecken überwunden. Bewegung kam in die Bewohner der Zelte. Janin, die in Lisas Zelt wohnte, rief über den Platz: "Wir müssen die Zelte retten!" Und Peter, der Betreuer rief: "Zuerst die Schlafsäcke und Eure Klamotten ins Haus bringen! Dort können wir übernachten. Und dann die Zelte retten!" Ein ungeheures Gerenne begann. Knapp eine halbe Stunde später waren die Schlafsäcke im Trockenen. Und die Rettungsaktion der Zelte begann. Nur wenige standen noch, fast alle hatte der Sturm aus dem Boden gerissen: Drei hingen in den Bäumen. Brunos Zelt flatterte wie eine Fahne in der Eiche am Ende des Platzes; gut drei Meter über dem Boden.

"Du kannst doch gut klettern," wandte sich Peter an Robert. "Komm, hilf mal!" Gemeinsam kletterten sie in den Baum. Unter großem Hallo der übrigen, die die Bergungsaktion beobachteten, wurde Brunos Zelt aus dem Baum befreit. Mittlerweile hatte sich der Sturm gelegt. So plötzlich, wie er gekommen war, war er auch wieder verschwunden.

"Puh," ächzte Robert, als er wieder auf dem Boden neben dem Zelt stand. "Ganz schön schwer!"
Bruno stand etwas hinter ihm. Verlegen sah er auf den Boden. Dann gab er sich einen Ruck: "Danke, Kumpel" brummelte er.

September 99

Guenter Klarner Geschichten