Guenter Klarner - Geschichten
Leuchtturm

Mit donnerndem Getöse schlug Brecher auf Brecher gegen die schwarz glänzende Mauer. Mit dunklen Wolken verhangen der Himmel, ab und zu das grellweiße Zucken eines Blitzes, der auf dem Schaum der Wellen einen Funkenregen kleiner glitzernder Wassersternchen hinterließ. Zusammengekauert saßen sie in einem kleinen kahlen Raum in halber Höhe des Leuchtturmes im fahlen Licht. Draußen zerrte der Wind an den Fenstern, um dann einen unheimlichen Moment der Stille zu gewähren, bis er mit neuem wütenden Anlauf große weißgekrönte Wogen mit voller Wucht gegen das schlanke Bauwerk warf. Entfesselt in seinem Toben hieb er krachend das kleine Boot, mit dem sie hergekommen waren, wieder und wieder gegen die Backsteinmauer des Fundamentes, bis sie am berstenden Gesplittere des Bootes hören konnten, dass der Rückweg versperrt war.

"Was nun?" Martin war der erste, der es wagte, in die Stille zwischen zwei der wütenden Attacken hineinzusprechen, "Was machen wir nun?" Der Hall seiner Stimme ging unter im nächsten Brüllen des Sturmes, mit dem er Berge von Wasser gegen das erzitternde Gebäude warf.

So plötzlich, wie der Sturm eingesetzt hatte, hörte er auch wieder auf. Fast unheimlich war die Stille nach dem ganzen Getöse.

"Und was machen wir nun?" Martins Stimme hallte hohl im Turm von den Wänden wieder. "Wir sollten nach dem Boot sehen," schlug Janin vor. Wie immer, so ging sie die ganze Sache nüchtern und pragmatisch an. "Bestandsaufnahme", ergänzte sie. "Wozu? Du hast doch selber gehört, wie es vom Sturm zerschlagen wurde!" Martin wirkte bedrückt. Das kannten sie an ihm gar nicht. Es musste schon sehr ernst sein. Er sah in drei Gesichter, die ihn erwartungsvoll ansahen. Sie erwarten eine Entscheidung, ging es ihm durch den Kopf. Für einen Moment spürte er die Verantwortung, die er sich da aufgeladen hatte. Schließlich war es seine Idee gewesen, zum Leuchtturm zu paddeln. Vielleicht gibt's da ja was zu entdecken, hatte er sie gelockt. Und nicht mit Geschichten von Piraten, Stürmen und Abenteuern auf See gespart. "Ok, Leute, gehen wir nachsehen!" entschied er dann, "na los doch. Und ein bisschen Tempo!" "Jau, Chef" spöttelte Lisa. Martin musterte sie. Hatte sie das nur so gesagt, oder hatte er einen Anflug von Verärgerung gehört?

Als sie die schwere Eisentür aufstemmten, mussten sie zuerst die Augen schließen. "Man, ist das hell!" Nach dem fahlen Dämmerlicht im Turm traten sie hinaus in eine schon fast unnatürliche Helle. Geblendet von der schon tief stehenden Sonne kniffen sie ihre Augen zu. Für einen Augenblick war kaum etwas zu sehen. Aber langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Helligkeit. Zwei Stunden hatten sie im fahlen Dämmerlicht des Turms gehockt. Und jetzt - die Sonne schien, als ob nichts gewesen wäre. Nur noch ein leichter Wind kräuselte das Wasser, das noch immer in Bewegung war, fast wie ein überdimensionales Schwungtuch. "Das war wohl mal ein Boot," stellte Tim leise fest. Und in der Tat: Am Strick, mit dem sie das Ruderboot an einer Eisenstange direkt neben der Stahltreppe festgebunden hatten, hingen nur noch ein paar Reste. Die Ruder und den Rest des Bootes hatten der Wind und das Meer davongetragen. Was sie geahnt hatten, war traurige Gewissheit geworden: Sie saßen fest. Gestrandet. Ausgeliefert. "Lass uns nach oben steigen," schlug Janin vor. Martin murrte. "Und wozu das ?" Janin war überzeugt, dass sie zuerst den Turm untersuchen sollten: "Bestandsaufnahme Nummero zwei!" "Das bringt doch nix!" entschied Martin. Und setzte sich auf den schmalen Sims, der um den Turm lief. "Setzt Euch, wir warten auf Hilfe!" "Ja sach mal, bist du jetzt der Chef hier? Und wer soll da kommen? Du warst doch dafür, dass wir uns einfach verdrücken! Weiß doch keiner, wo wir sind!" Verärgert sah Lisa Martin an. Ihre Augen funkelten böse. Das kannte Martin schon. Wenn sie in diesem Zustand war, musste man mit allem rechnen. Aber nachgeben wollte er auch nicht. Dazu war er zu stolz. Und was konnte er dafür, dass dieser Sturm so plötzlich aufgezogen war. Konnte doch keiner ahnen. Lisa drehte sich um: "Oder was meint ihr denn? Sagt doch auch mal was!" "Weiß nicht..., wenn du meinst..." Tim konnte sich nicht recht entscheiden. Männliche Solidarität ließ ihn eigentlich zu Martin halten. Aber irgendwie hatte Janin auch wiederum recht, fand er. Martin spürte, dass ein Streit auszubrechen drohte. Und den konnten sie jetzt wirklich nicht brauchen. Widerwillig gab er nach: "Ok, lasst uns gehen!"

Ächzend stiegen sie die vielen Stufen zur Spitze des Leuchtturms hoch. "Wahnsinn!" entfuhr es Lisa, als sie oben waren. Die Sonne stand tief und fing an, das Meer golden zu färben. In der Ferne war die Küste zu sehen. Ein kleines weißes Haus duckte sich zwischen ein paar niedrigen Sträuchern. "Wir könnten doch rüberschwimmen!" überlegte Martin laut. Überzeugt war er von seiner Idee allerdings nicht gerade. Aber er hatte das Gefühl, irgendeine Lösung anbieten zu müssen. "Jau, das is mal ne dolle Idee," kommentierte Lisa spöttisch." Gleich wird's dunkel und wir haben mit dem Boot eine Stunde hierher gebraucht!" "Aber sieh mal, da ist doch ein Haus!" Janin zeigte zur Küste." "Und was soll uns das nützen?" Martin wurde zunehmend mürrischer. Es fuchste ihn, das er keine Lösung anbieten konnte. Immer hatten die anderen die Ideen, die er selber haben sollte. "Sollen wir laut rufen? Oder ne Leuchtrakete abschicken? Oder mit den Armen wedeln?" "Mann, nu reiß dich doch mal zusammen," knurrte ihn Lisa an. "Ein paar realisierbare Vorschläge wären schon angebracht. Und das dumme Gelabere kannst du dir sparen!" Das saß. Martin zog ein wenig den Kopf ein, eine Antwort fiel ihm nicht ein. Und das ausgerechnet bei Lisa...

"Wir könnten morsen..." meldete sich Tim vorsichtig. "Seht mal, da ist noch ein Rest der Linse, da könnten wir doch irgendwie durchmorsen!" In der Mitte des Turms waren noch Reste der ehemaligen Linse übriggeblieben. "Genial, das ist es!" Lisa klopfte Tim anerkennend auf die Schulter. Dann nestelte sie in ihrem Rucksack herum. Sie suchte etwas. Und dann - triumphierend hielt sie ihre Taschenlampe hoch. "Das wärs doch! Und wer kann jetzt morsen?"

"Wir müssen doch nur S O S morsen. Und das ist ganz einfach: drei mal kurz anmachen ist S, dreimal lang anmachen ist O!" Martin war froh, das er jetzt auch etwas beisteuern konnte. So konnte er bei Lisa wieder Land gut machen. Aber zunächst mussten sie den Linsenrest in Position bringen. Mit ein wenig Kordel banden sie die Taschenlampe hinter der Linse fest, sodass der Lichtstrahl durch das Glas fiel und dann in der Richtung des Hauses am Strand verschwand.

"Jetzt drück doch schon!" Tim war ungeduldig. "Mann, ich will weg hier. Und ich hab Hunger!" Martin stellte sich neben die Taschenlampe.

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morste er in die langsam hereinfallende Dunkelheit. Aber nichts geschah. "Vielleicht sehen sie uns ja nicht!" Tim starrte hinaus in die dicker werdende Dunkelheit. Und dann konnten sie das Haus kaum noch erkennen. "Da ist ja auch niemand. Das ganze Haus ist dunkel!" Enttäuscht ließ sich Tim auf den Boden sinken. "Wir morsen weiter, vielleicht sieht uns ja ein Spaziergänger." versuchte Lisa die anderen zu beruhigen. "Was anderes bleibt uns eh nicht übrig."

Zur Dunkelheit kam nun auch langsam die Kälte. Fröstelnd standen sie neben der Taschenlampe und hofften, dass sie endlich jemand sähe.

"Heh! Da hat jemand Licht gemacht!" Und in der Tat, ein Fenster des Hauses leuchtete heimelich in die Dunkelheit hinein. Und dann blitzte es aus diesem Fenster. "Sie haben uns gesehen!" Tim atmete auf und begann in dem kleinen Raum herumzutanzen.

April 2001

Guenter Klarner Geschichten