Guenter Klarner - Geschichten
Kuchen

"Kommst du auch?" Tim packte seine Tasche zusammen. Schluss für heute. Viele Hausaufgaben hatten sie nicht auf. Das würde er schnell geschafft haben. Der Lärm war wie immer am Ende eines Schultages unbeschreiblich. 28 Stimmen machten der Anspannung des Vormittags Luft, als sie sich lautstark über die Mathearbeit unterhielten. Rundherum ein Geklappere, Geraschele und Geklimpere von Federmäppchen und zuschnappenden Verschlüssen. Dazwischen das Rumpeln der Stühle, die geräuschvoll an die Tische geschoben wurden.
"Wohin?" Auch Martin packte seine Schulsachen zusammen.
"Na, zu Lisas Party!" Tim zog den Reißverschluss zu und mit Schwung warf er seinen Rucksack über die Schulter.
"Gehen wir?" Martin war noch nicht fertig. Er sammelte seine Stifte ein und stopfte sie in eine Seitentasche.
"OK - Gehen wir."
"Also kommst du nun zu Lisas Party oder nicht?"
"Keine Frage. Klar komm ich."
"Und hast du schon ein Geschenk?" Drängelnd und schubsend schoben sie sich durch die Menge der Schüler und Schülerinnen, für die jetzt nur noch eines galt: So schnell wie möglich raus aus dem Schulgebäude, um die Luft der Freiheit wieder atmen zu können. Die Frage nach dem Geschenk war auch die Frage nach einem Problem. Lange hatte Martin darüber nachgedacht. Früher - ja früher war das einfach gewesen. Irgendeine Barbiepuppe, ein paar Anziehsachen für Lisas Barbiepuppensammlung - das war's dann schon. Aber Lisa hatte sich geändert. War erwachsener geworden. Er kicherte, als er versuchte, sich vorzustellen, wie sie auf solch ein Geschenk reagieren würde. Würde sie empört sein? Oder nur beleidigt? Er war sich nicht klar, was schlimmer sein würde...
Insgeheim mochte er Lisa irgendwie. Sicher, sie war etwas struppig - eigentlich hieß es ruppig, aber struppig passte besser zu ihr, fand er. Ob sie ihn auch mochte? Mit einem unwilligen Kopfschütteln schob er den Gedanken von sich weg.
"Hast du schon ein Geschenk, hab ich dich gefragt!" Tim nervte.
"Nein - noch nicht..." etwas unwirsch schüttelte er abermals seinen Kopf. Etwas besonderes sollte es sein. Etwas, das konkurrenzlos war. Etwas, das nur er schenken konnte. Aber was?

"Mann, hab ich 'nen Hunger!" Tim steuerte die Bäckerei gegenüber der Schule an, wohl um sich einen Brezel zu kaufen. Martin blieb draußen und musterte das Schaufenster. Wie ein Blitz überraschte ihn seine Idee: Er könnte einen Kuchen backen. Lisa mochte gerne Süßes. Das war es! Und er würde den Kuchen ganz besonders gestalten... Aber zuerst brauchte er ein Rezept. Sicher würde er eines in den zahllosen Kochbüchern finden, die sein Vater in der Küche aufbewahrte. Selten wurden die benutzt.

Kauend kam Tim wieder aus der Bäckerei. "Ich hab's!" Martin sah ihn erwartungsvoll an. "Was hast du?" Krachend biss Tim in einen Brezel. "Na, ein Geschenk für Lisa!" Er drehte sich auf dem Absatz. "Ich muss jetzt. Einkaufen und so. Tschöö bis morgen!" Und bevor Tim noch schlucken konnte, trabte Martin davon.

Das Backbuch war schnell gefunden. Er blätterte es durch. Da schienen ja Hunderte von Rezepten drin zu sein. Dabei brauchte er nur eines. Ein gutes. Etwas besonderes. Marmorkuchen oder Apfelkuchen - das war zu normal. Und dann fiel sein Blick auf "Maronenkuchen". Da musste er sogar erst mal nachsehen, was denn Maronen sein sollten. Esskastanien waren gemeint, das hatte er schnell herausgefunden. Das klang gut, fand er. Das, und der Umstand, dass er noch nie etwas von so einem Kuchen gehört hatte, ließen in ihm den Entschluss fallen: Das war es. Den würde er backen.

Schnell waren die Zutaten aufgeschrieben und kurze Zeit später schob er einen Einkaufswagen durch den Supermarkt. "500g Kastanien im Backofen rösten, schälen, von der Innenhaut befreien und im Mörser zerreiben" stand da. Das hörte sich nach Arbeit an. Und einfach schien es auch nicht zu sein. Au man, das hatte er nun davon. Da fiel sein Blick auf eine Reihe Konservendosen, auf denen groß und deutlich "Maronenpüree" stand. Na also, das war's doch schon. Er packte zwei davon ein.

Dann wurde es ernst. Der Backofen war angeworfen, der Tisch bedeckt mit Schüsseln, Mehl- und Zuckerpaketen, Koch- und Backlöffeln und vielen anderen Utensilien. Wie in einer Großbäckerei, ging es Martin durch den Kopf. Jetzt alles vermengt, in eine Form gestrichen und rein in den Backofen. War einfacher, als er sich das zunächst gedacht hatte.

Eine halbe Stunde später holte er den Kuchen wieder aus dem Ofen. Sah gar nicht schlecht aus, fand er. "Auf ein Brett stürzen und auskühlen lassen," las er im Rezept. Mit einem schmatzenden Geräusch löste sich der Kuchen aus der Form. Martin hob sie vorsichtig hoch. Da stand er, sein erster Kuchen. Ein Riss bildete sich auf der Oberseite und bevor Martin begriff, was da geschah, fiel der Maronenkuchen mit einem klebrigen Geräusch in zwei Hälften auseinander. Innen war er noch ganz teigig. Da hätte ich wohl doch besser Maronenmehl nehmen sollen, dachte er ernüchtert. Aber was jetzt?

Sein Vater war es, der die rettende Idee hatte. Sie zerteilten den matschigen Kuchenentwurf in viele kleine Bröckchen, die sie auf einem Backblech verteilten. "Und jetzt bei niedriger Temperatur ganz langsam trocknen!" Soweit war sein Vorschlag ja ganz brauchbar.
"Und dann?" Martins Vater kramte im Vorratsschrank herum. Nacheinander stellte er auf den Tisch: Rosinen, Feigen, Datteln, getrocknete Aprikosen und ein Tütchen Backpulver. "Wär doch gelacht, wenn wir da nicht was draus machen könnten!" grinste er. Zusammen mahlten sie die Kuchenreste aus dem Backofen in der Kaffeemühle zu einer Art Mehl. Das war eine Idee von Martin.
"Klasse! Wir mixen das Mehl jetzt mit all den getrockneten Früchten und backen es einfach noch mal." erklärte Martins Vater. "Als chemisches Experiment sozusagen," setzte er nach einer kleinen Pause noch hinzu.

Über anderthalb Stunden ließen sie ihr "Experiment" nun backen: Es wurde ein herrlich duftender Früchtekuchen. Und er hielt zusammen! Nach dem Abkühlen kam Zuckerguss darüber und dann - als Clou sozusagen - legte Martin aus Liebesperlen die Worte "Für Lisa" darauf.

Der Kuchen wurde ein voller Erfolg. Als er ihn Lisa übergab, sah sie ihn aufmerksam an. "Den hast du gebacken?" fragte sie ungläubig?" "Klar, eigenes Rezept," grinste Martin, und er hatte Mühe, Lisas Blick standzuhalten. "Alle Achtung." war alles, was sie noch sagte. Martin war zufrieden. Das war mehr als er gehofft hatte.

Später, als die meisten schon wieder gegangen waren, kam Lisa auf ihn zu: "Du, Martin, gibst Du mir das Rezept für deinen Kuchen?"

Oktober 2001

Guenter Klarner Geschichten