Guenter Klarner - Geschichten
Kanutour

Leise setzte der Regen ein. Nur manchmal noch knackte das Lagerfeuer, das jetzt mit kleinen bläulichen Flammen, die hin und wieder über das verkohlte Holz leckten, zu erlöschen begann. Feiner Wasserstaub bildete an ihren Augenbrauen Wasserperlen, in denen der Widerschein des Feuers zu sehen war. Keiner sprach. Alle sannen noch über den Tag, sahen den letzten Flämmchen zu. "Ich glaub, ich geh ins Bett," sagte Janin. Im Zelt kuschelte sie sich in ihren Schlafsack. Der nächste Tag würde anstrengend werden. Hoffentlich hörte der Regen bald auf, dachte sie noch, bevor der Schlaf ihre Lider zuklappte.

Rosarot erwachte der Morgen. Nebelschwaden trieben über den kleinen Fluss. Der Regen hatte aufgehört. Aber kalt war es. Klamm krochen sie aus den Zelten, rieben sich gähnend den Schlaf aus den Augen. Martin fachte das Feuer wieder an und bald kochte das Wasser für den Frühstückstee.

Julia nörgelte herum. Es sei keine saubere Tasse mehr da, alles sei feucht, sie finde ihren Spiegel nicht... "Boah, dich sieht doch außer uns sowieso keiner! Nun krieg dich ein!" Lisa war ärgerlich auf ihre Freundin. "Frühstück!" rief Martin. "Haut kräftig rein, der Tag wird lang." Der Duft von gebratenen Eiern und Speck zog in ihre Nasen. Über dem Feuer stand auf einem Dreibein eine Pfanne, in der es laut brutzelte. Julia nörgelte weiter: Sie müsse sich ins noch taufeuchte Gras setzen, um zu frühstücken. Und die Toilette befand sich fast einen Kilometer weiter auf dem Hof der Untermühle. Hier hatten sie die Kanus für ihre Tour geliehen.

Ein Abenteuer hatte Lisa ihr versprochen. "Komm doch mal mit," hatte sie gesagt, "wir machen immer total spannende Ausflüge!" Eigentlich war sie dann nur mitgekommen, weil auch Martin dabei war. Zwei Kanus hatten sie sich ausgeliehen, um den Rhin, einen Bach in der Nähe von Rheinsberg herunterzupaddeln. Zwei Tage sollte die Tour dauern. Ausgerüstet mit Schlafsäcken und Zelten, wollten sie unterwegs im Freien übernachten.

"Hoffentlich hält das Wetter jetzt." Tim sah skeptisch in den Himmel. Blaue Flecken wechselten mit grauen Wolken, die verdächtig nach Regen aussahen. Aber zur Umkehr war es nun zu spät. Nach dem Frühstück packten sie Zelt, Schlaf- und Rucksäcke zusammen und verstauten sie in den Kanus. Mittlerweile hatte es die Sonne geschafft, die Löcher zwischen den Wolken zu vergrößern. Sie schienen Glück zu haben. Vielleicht würde es sogar richtig warm werden.

Unter lauten Rufen: "Vorsichtig, langsam, langsam!" schoben sie die Kanus ins Wasser. Sie schaukelten bedenklich hin und her. Leicht und mit stillem Plätschern schwenkten sie ein in die Strömung des schnell fließenden Rhin. Jetzt war Teamwork angesagt. Dieser Bach, das merkten sie gleich, war gar nicht einfach zu befahren. Er war zwar ungefährlich, aber er floss schnell und wand sich zum Teil um enge Kehren. Schnelles Steuern und kräftiges Paddeln war angesagt. Rechts und links zogen Hunderte von blau schillernden Libellen vorbei. Es ging durch Wiesen, dann mitten durch Kiefernwälder an hohen Steilabhängen vorbei. Von Zeit zu Zeit sahen sie rechts und links sumpfige Uferzonen, dann wieder hingen Weiden mit ihren Zweigen bis auf die Wasseroberfläche herunter.

Nirgends konnten sie aussteigen - bis zur nächsten Gelegenheit waren es noch lange zehn Kilometer. Die vielen Kehren, herunterhängende Zweige, umgestürzte Bäume, die im Wasser lagen, das alles erforderte ihre ganze Aufmerksamkeit. Schweigend, schwitzend und ächzend, paddelten sie den Bach hinunter - mal mit ordentlichem Schuss, mal kamen sie gerade noch um eine der vielen Kurven.

Mit viel Mühe hatten sie gerade eine Sandbank in der Mitte des Baches umfahren, als sie einen kleinen Sandstreifen am Ufer entdeckten. "Da können wir baden!" rief Robert, der sich bisher zurückgehalten hatte. "Anhalten, rechts ran und die Boote aufs Ufer ziehen!" Lisa war schon öfter gepaddelt. Zielstrebig gab sie ihre Anweisungen. "Können wir nicht einfach weiter, und nach Hause?" wagte Julia zu fragen. Ein Protestgeschrei war die Antwort. "Das ist doch unser Abenteuer, nach Hause kommen wir noch früh genug!" mischte sich Martin ein. Julia biss sich auf ihre Lippen. Sie fand Martin ziemlich nett und wollte ihn nicht verärgern. Da musste sie jetzt wohl durch. Ein paar Minuten später schon tummelten sie sich im Wasser. Die Mittagssonne hatte ihren Badeplatz in einen Sonnenfleck verwandelt und mit viel Vergnügen tummelten sie sich im flachen Wasser.

"Iiiih..." Julias Schrei gellte über den Bach und verlor sich zwischen den Stämmen der Kiefern am Ufer. "Was ist das denn" Hektisch und fast schon hysterisch hüpfte sie aus dem Wasser, schrie in einem fort "Iiih, Helft mir doch, mach das ab, das ist eklig..." "Nicht schlimm, das ist ein Egel. Ein Blutegel. Der tut nix. Ich mach ihn ab." Martin war zu Julia geeilt und sah sich ihr Bein an. "Mach das ab, mach das ab," Julia kreischte in einem fort. "Ganz ruhig, der fällt selber wieder ab. Und ungesund ist das auch nicht." Martin war die Ruhe selbst. Und wirklich, nach ein paar Minuten löste sich der Egel wieder von Julias Bein. "Bah, war das eklig!" Die Lust zu baden, war ihr gründlich abhanden gekommen. Und noch mehr ärgerte sie sich, dass sie sich so hatte gehen lassen. Das war ihr total peinlich, vor allem vor Martin.

Weiter ging's. Kehre für Kehre musste umpaddelt werden. Und das ging ganz schön in die Arme. "Ich kann nicht mehr," stöhnte Julia laut, "ich will nach Hause!" "Krieg dich ein, da müssen wir jetzt durch, mindestens bis zum nächsten Wehr." Lisa war verärgert. Dauernd nörgelte diese Frau rum. Sie hatte sich das anders vorgestellt, als sie Julia eingeladen hatte. Aber vielleicht war sie nur unsicher, hatte vielleicht auch Angst, sich vor ihnen zu blamieren...

Als sie um die nächste Kehre kamen, lag ein Baumstamm quer über dem Bach. Nur an der linken Seite war genug Platz, um darunter her zu kommen. "Links!" schrie Martin noch, der im ersten Kanu saß, aber es war schon zu spät. Ganz langsam legte sich das Kanu zuerst längsseits an den Baumstamm. Martin griff in die Zweige, um das Boot zu der kleinen Durchfahrt zu ziehen. Und dann ging alles ganz schnell. Das zweite Boot kam um die Kehre und schoss direkt auf sie zu. Mit einem dumpfen Rums stieß es an die Breitseite des ersten Kanus, das sich ganz langsam unter dem Baumstamm durch zu drehen begann. Und alle drei Insassen - Martin, Bruno und Tim - platschten ins Wasser. "Die Zelte!" rief Martin, "wir müssen unsere Ausrüstung retten!" Und während sie im Wasser hinter den blauen Tonnen herhechteten, in die sie ihre Ausrüstung gesteckt hatten, hörten sie es noch dreimal platschen.

"Gut, das wir nur noch Badesachen anhatten," versuchte Lisa die anderen zu trösten. Sie saßen etwas bibbernd auf einer Sandbank mitten im Bach hinter dem Baumstamm. Die Sonne trocknete sie langsam. "Ist doch besser als Fernsehen," meinte Martin, "jetzt sind wir selbst dabei, mittendrin in einem Abenteuer!"

"Psst, seht mal!" Julia zeigte auf einen Sandhang am Ufer. Kleine Löcher waren darin zu sehen. Und ab und zu schwirrte ein kleiner blauer Vogel hinein und wieder heraus. "Ein Eisvogel!" erklärte Tim. "Die haben wir gerade in Bio durchgenommen. Sind ganz selten. Und die sieht man sonst kaum!"

"Wir müssen weiter, sonst wird's noch dunkel, bevor wir an unserem Lagerplatz angekommen sind." Gemeinsam schoben sie ihre Kanus wieder in die Strömung. "Jetzt kann es nicht mehr weit sein," dachte Martin laut nach.

"Da! Noch ein Vogel! Und was für ein Kaliber!" Julia zeigte in die Äste über ihnen. Und in der Tat: ein riesengroßer Vogel erhob sich und flog mit langsamen Flügelschlägen vor ihnen her. "Ein Fischadler!" Ehrfürchtig sahen sie ihm nach. Hinter der nächsten Kehre saß er wieder auf einem Ast am Ufer. Ganz nah war er und sie konnten das majestätische Tier direkt beobachten. Den Rest des Weges flog er vor ihnen her, ganz so, als wolle er sie beschützen.

Als Julia am Abend in ihren Schlafsack kroch, war ihr, als habe sie noch nie so viele Erlebnisse an einem Tag gehabt. "Besser als Fernsehen!" hatte Martin gesagt. Vielleicht hatte er ja sogar Recht.

November 2000

Guenter Klarner Geschichten