Guenter Klarner - Geschichten Guenter Klarner Geschichten
Fischfang

"Gib mir die Seife!" Brunos Ruf hallte über den Platz. "Gib mir die Seife!" Mit herrischem Ausdruck im Gesicht marschierte er auf den kleineren Tim zu, der versuchte, hinter den Bungalow zu verschwinden. "Bleib stehn, du Arsch!" Bruno rannte plötzlich los. An der Ecke des Bungalows erwischte er Tim. Er packte ihn am Kragen, warf ihn zu Boden und stand nun drohend über ihm. "Hab ich dir nicht gesagt, du sollst mir die Seife bringen?" schnauzte er Tim an. Der wirkte noch kleiner und schmächtiger als sonst; es war, als krieche er in sich selbst hinein. "Kriecher" dachte Robert und stieß ihn mit seiner Schuhspitze in die Rippen. "Na wird´s bald?" "Is ja schon gut" rappelte sich Tim auf. Und dann verschwand er im Bungalow, um kurz darauf mit Bruno´s Seife wieder in der Tür zu erscheinen. "Da!" "Na also, geht doch!" Bruno trabte ab in Richtung Duschen.

"Was war denn das da eben?" Peter, der Betreuer, der sie alle im Zug in dieses Camp begleitet hatte, trat völlig unerwartet zwischen ihn und die Tür zum Duschraum. "Scheiße!" rutschte es Bruno heraus. Den hatte er gar nicht gesehen. Wie lange der schon zugesehen hatte? "Äh - was? Was war was?" versuchte er Zeit zu gewinnen. "Du weißt genau, wovon ich rede!" Peters Gesicht nahm einen äußerst unfreundlichen Ausdruck an. "Geh jetzt erst duschen, dann haben wir ein Wörtchen miteinander zu reden!"

"In diesem Camp gehen wir freundlich miteinander um. Und ich möchte nicht noch mal sehen, dass du jemand anders was - und schon gar nicht in diesem Ton - befiehlst!" "Das war doch nicht miteinander reden" dachte Bruno, als er im Betreuerzimmer Peter gegenüber saß. Widerwillig ließ er den Monolog über sich ergehen. Genau wie er sich das gedacht hatte. Alles Weicheier, diese Ökos. Friede, Freude, Eierkuchen und Schmusegesichter. Dabei war er hergekommen um Abenteuer und Aufregung zu erleben. Und das ging nicht mit Samtpfötchen. "Hörst du mir zu?" wollte Peter wissen. "Jaja" nuschelte Bruno. "Lauter, ich hab dich nicht verstanden!" "Ja, ist ja gut! Ich hab verstanden," und bei sich dachte er: Hoffentlich hört der bald auf.
"... dann haben wir uns ja verstanden und sehen uns bei der Einteilung der Workshops wieder!" Bruno atmete auf. Jetzt war noch `ne Stunde Zeit, sich die Gegend anzusehen.

Fünf Minuten entfernt war das Oderhaff, ein großer See, der in der Mündung der Oder in die Ostsee lag und von ihr durchflossen wurde.
Heiß war es, die Luft schien stillzustehen. Über dem Haff flimmerte die Luft, vor ihm glitzerte das Wasser verheißungsvoll. Nach der Einführung in die Workshops würde er schwimmen gehen, das stand fest. Zuhause hatte er zum nächsten Schwimmbad mehr als eine halbe Stunde Busfahrt vor sich. Da war das hier ein Paradies. In der Ferne konnte er im Dunst eine Küste sehen.
Sicher eine Insel dachte er. Lange saß er so da. Dann warf er einen Blick auf seine Uhr: Es war Zeit, zur Einführung in das Camp zurück zu gehen. Seufzend stand er auf.

In einer großen Runde saßen alle auf der Wiese, Betreuer und TeilnehmerInnen bunt gemischt. Sie hatten schon angefangen. Bruno setzte sich in eine freie Lücke. Lauter langweiliges Zeug wurde erzählt. Wie sie sich zu benehmen hätten. Das sie sich abzumelden hätten, wenn sie das Gelände verlassen wollten. Nach dem Essen müssten die Tische abgewischt werden. Angeln sei nur für die erlaubt, die einen Angelschein hätten und sich eine Angelkarte besorgen würden. Und gefangene Fische müssten sie ausnehmen und essen. Endlich war das Gelabere zu Ende. Er hatte sich für "Computer" gemeldet. Surfen im Internet, Trickfilme drehen und eine Lagerzeitung herstellen stand da auf dem Programm. Das war neben der Erwartung von Abenteuern der einzige Grund, warum er in das Camp gefahren war: die Computerwerkstatt. Naja, seine Eltern hatten ihn auch ziemlich gedrängelt. Wollten mal zwei Wochen Ruhe haben vor ihm. Und da war ein Computercamp noch die beste Lösung. Pech war nur, dass dieser Workshop ausgerechnet von Peter geleitet wurde.

"Wir gehen erst mal schwimmen" kündigte der an, als sie zur Programmbesprechung zusammen saßen. "Packt Euer Badezeug ein, in zehn Minuten geht's ab zum Strand. Und da können wir den Rest besprechen.

"Zwanzig Minuten später stürzten sie alle schreiend und johlend in das Wasser, das gar nicht kalt war. Aus den Augenwinkeln sah Bruno, dass Tim, der auch in diesen Workshop gegangen war, mit kräftigen Zügen weit hinaus schwamm.
Prustend und schnaubend schwamm er hinterher, um ihn zu tauchen. Aber da war nichts zu machen. Tim war ein guter Schwimmer. "Kanaille!" dachte er verächtlich und schwamm zurück. In der Zwischenzeit hatten die anderen entdeckt, dass sie lange in das Haff hineinwaten konnten, bis das Wasser den Hals erreichte. Eine wilde Balgerei war gerade im Gange, als sie Peter rufen hörten: "Alle herkommen, Programmbesprechung!"

Bruno hatte sich schnell entschieden: Zeitung wollte er machen. Und dann kam eine kleine Überraschung: Die anderen fanden, er gäbe einen guten Chefredakteur ab. Er zögerte etwas, Deutsch war nicht gerade seine Stärke. Aber da musste er irgendwie durch. Und sie brauchten nicht lange, um ihn zu überreden.

Peter meinte, sie sollten jetzt erst mal die Computerwerkstatt ansehen. Und morgen würde es eine erste Einführung geben: Fotografieren mit der Digitalkamera, Scannen und die Bearbeitung von Fotos am Computer. Und mindestens einmal am Tag sei Schwimmen im Haff angesagt, jedenfalls so lange es so heiß bliebe. Auch Tim war bei den Redakteuren. Das war fast eine Genugtuung für Bruno: Da war er jetzt der Chef von Tim.

Schwül war die Nacht und Bruno hatte unruhig geschlafen. Im Traum war er erst auf einer riesigen Tastatur über das Haff gesurft. Meterhohe Wellen hatten ihn schließlich an die ferne Küste geschleudert und sein Vater hatte laut und meckernd gelacht. "Das wird ja nix, das wird ja nix..." spottete er und es hallte von allen Seiten wider. Schweißgebadet wachte Bruno auf. Er stand auf und rannte quer über den Platz zu den Duschen. Mit einer Handvoll Wasser kühlte er sein Gesicht ab und lief wieder zurück. Draußen war es nur wenig kühler, dafür erwartete ihn ein prächtig glitzernder Sternenhimmel. Fasziniert blieb er stehen und starrte nach oben. Die ganze Milchstrasse konnte er sehen. Durch die Luft zog der würzige Duft der alten Kiefern und im trockenen Gras war das regelmäßige Zirpen der Heuschrecken zu hören. Diesmal träumte er vom Weltraum und Flügen in seine Tiefe, als er wieder eingeschlafen war.

Ein neuer Tag war heraufgezogen. Und mit ihm viele neue, aufregende Dinge. Den Umgang mit der Digitalkamera hatte Bruno schnell gelernt. Und auch die Fotobearbeitung machte riesigen Spaß. Irgendwann aber wurde es zu heiß zum Weitermachen, der Computerraum wurde schwül und stickig. So entschlossen sie sich, schwimmen zu gehen.

Die Enttäuschung war riesengroß: Ihre Badestelle von gestern war übersät mit toten Fischen. Und auf dem Wasser schwammen weitere: Hunderte, ja Tausende mussten das sein. Ratlos standen sie vor dem Haff, ahnend, das etwas Grausames passiert sein musste. "Mann, das ist unser erster Artikel!" rief Tim. "Schlaumeier! Und was willst du schreiben? Dass hier tote Fische sind? Das wissen doch morgen die anderen auch!" ärgerte sich Bruno. Aber eigentlich ärgerte er sich, dass ihm Tim zuvorgekommen war. "Mann verstehst du nicht, das hat doch einen Grund! Hier ist ne Sauerei passiert! Und wir kriegen bestimmt raus, was das war!" Peter schlug vor, erst mal ein Foto zu machen. Schnell war Bruno wieder mit der Kamera da. Das würde ein klasse Titelfoto geben.

Eine Stunde später saßen sie schon im Bus, auf der Fahrt in die Kreisstadt. Dort hofften sie, in der Stadtverwaltung etwas herauszubekommen. Aber vielleicht wussten die ja noch gar nichts? Auf der Fahrt kamen sie am Stadthafen vorbei. Spontan entschlossen sie sich, dort mit ihrer Reportage zu beginnen. Vielleicht fanden sie einen Fischer, der ihnen helfen konnte. Auf einem alten Holzkutter erblickten sie einen alten Mann, der seine Fischermütze schräg ins Gesicht gezogen hatte. "Wird wohl einer n' büschen Beifang über Bord worfen hamm" brummelte er. Viel Lust auf ein Gespräch schien er nicht zu haben. "Vielleicht gibt's hier ein Fischereiamt oder ´ne Wasserschutzpolizei! Da sollten wir mal fragen!" schlug Bruno vor.

In der Stadtverwaltung wusste noch keiner etwas. Aber es würde jemand raus fahren und sich die ganze Sache mal ansehen. Sie verabredeten ein Treffen in einer Stunde an der Badestelle am Haff. Bei der Wasserschutzpolizei wurden sie freundlich empfangen. Aber eine Vergiftung mit Chemikalien sei sehr unwahrscheinlich, meinte der Beamte. Und versprach, die Sache zu untersuchen. Als sie im Fischereiamt die Sache mit dem Beifang erzählten, fingen alle an zu lachen. "Das wär ja ein bisschen viel Beifang!" prustete der Beamte, der sie empfangen hatte. "Und jetzt machen wir noch Interviews am Hafen!" schlug Tim vor. Aber die meisten Leute zuckten nur die Achseln, wollten auch gar nicht viel sagen.

"Das sieht ja wirklich ganz übel aus" meinte der Beamte der Stadtverwaltung, der schon an ihrem Badestrand auf sie wartete. Neben ihm stand noch jemand, der sich als Reporter der Haffzeitung vorstellte. "Den Strand werde ich wohl erst mal sperren müssen," meinte der Beamte. "Und wo sollen wir schwimmen und baden?" empörte sich Tim. Bruno sah ihn an: Der schon wieder, dachte er. Immer kam er ihm zuvor. Am liebsten hätte er ihm eine reingehauen. Aber das hatte Zeit. Diese Sache hier war jetzt wichtiger.
"Kann man da nix tun? Können wir da nix tun? Ich meine, wir könnten ja den Strand frei räumen!" beeilte er sich zu sagen. "Und die Fische draußen auf dem Haff?" wandte der Beamte ein. "Da können wir doch mit dem Boot rauspaddeln und die aufsammeln!" schlug Bruno vor. Und er stellte sich schon das Foto vor, auf dem sie heldenhaft das Haff von toten Fischen befreiten. Der Mann von der Zeitung fand die Idee super. "Vielleicht kann man ja die Wasserschutzpolizei dazu bewegen, euch zu helfen!" "Und wir könnten Tonnen vorbei bringen, um die Fische abzutransportieren!" ergänzte der Beamte der Stadtverwaltung.

Am nächsten Tag war was los! Auf dem Haff kreiste die Wasserschutzpolizei, die Feuerwehr unterstützte sie, die Zeitung war da und machte Fotos, einige Fischer hatten sich angeschlossen und halfen auch mit. Und am Abend waren sie alle erschöpft, das Haff war wieder in gutem Zustand und das Badeverbot aufgehoben. Bruno hatte tolle Fotos gemacht. Und Tim hatte dazu einen langen Artikel geschrieben. Mittlerweile war auch klar, woher die Fische alle kamen: Die Hitze der vergangenen Tage hatte das flache Haff so aufgeheizt, dass es "gekippt" war. Nun war zu wenig Sauerstoff im Wasser und die Fische waren erstickt. Die erste Nummer der Lagerzeitung und die nächste Ausgabe der Haffzeitung hatten den gleichen Aufmacher: Ihre Rettungsaktion. Und auf der Titelseite waren beide abgebildet: Tim und Bruno mit je einem dicken Fisch in der Hand. Und darunter stand: Junge Gäste aus der Großstadt bei ihrem Rettungseinsatz am Haff.

Februar 2000