Guenter Klarner - Geschichten
Feuer

"Lecker war das Essen! Irgendwas mit Reis und Fleisch," berichtete Martin über das Abenteuer, dass er zusammen mit Lisa gerade erlebt hatte. "Und am Tisch saßen seine Brüder. Mann, hab ich erst Schiss gehabt! Aber die sind ganz nett - glaub ich. Jedenfalls hat uns seine Mutter einen Teller mit Essen vorgesetzt und wir durften erst gehen, als wir aufgegessen hatten" "Ihr seid da einfach reingegangen?" "Nein, nicht so einfach. Der Abdir - der kleine, von dem ich dir erzählt habe, der hat uns reingeholt. Ging ja nicht anders, wir wollten ihm doch seinen Ball wiederbringen!" Martins Vater war neugierig. Denn bisher kannte er niemand, der das Wohnheim einmal von innen gesehen hatte. Meistens machte man einen Bogen darum - was auch gar nicht schwierig war, denn es lag am Ende einer Sackgasse. Und wer nicht unbedingt dahin musste, der ließ es auch lieber. Aber Gerüchte gab es viele. Drogen sollten von hier verkauft werden. Und manchmal fiel auch das Wort "Mafia". Eigenartig war das schon. Anscheinend war noch niemand drin gewesen - jedenfalls kannte Martins Vater bisher niemanden. Und der kannte 'ne Menge Leute. Aber alle schienen zu wissen, was da drin vor sich ging.
Martins Vater stand auf, um das Fenster zu schließen. Gerade war ein Feuerwehrwagen mit heulender Sirene draußen vorbeigefahren.
"Wir sollen morgen noch mal kommen," Martin kaute an einem großen Pfannkuchen, "und dann soll es was typisch sudanesisches zu essen geben. Die kommen nämlich aus dem Sudan. Bist auch eingeladen." "Einfach so? Ich weiß nicht..." Martins Vater sah ihn an. "Vielleicht wollen die einfach ein paar Deutsche kennen lernen," vermutete Martin. "Komm schon - wird bestimmt lustig."
Eine zweite Feuerwehr raste mit heulender Sirene vorbei. Und dann noch eine. Und kurz danach ein Polizeiwagen, dann ein Rettungswagen und noch ein Rettungswagen. Martin stand auf und öffnete das Fenster. Neugierig war er. Weit lehnte er sich aus dem Fenster, um etwas sehen zu können. Aber natürlich waren Rettungswagen, Polizei und Feuerwehr schon nicht mehr zu sehen. Doch ihm schien, dass ein leichter Geruch nach Verbranntem in der Luft lag. Und dann sah er eine Rauchsäule zwischen den Dächern der Häuser aufsteigen. "Das muss in der Nähe von diesem Wohnheim sein!" rief er hinter sich. "Ich fahr mal gucken!" Bevor sein Vater protestieren konnte, war er schon zur Tür hinaus und auf sein Board gesprungen. Unterwegs traf er Lisa, die anscheinend den gleichen Gedanken gehabt hatte
Sie brauchten nur dem Brandgeruch hinterher zu fahren.

Schwaden schwarzen Rauches trieben ihnen entgegen, als sie in die Sackgasse vor dem Wohnheim einbogen. Krachend und mit einem Funkenregen brach gerade ein Teil des Daches zusammen. Da war nicht mehr viel zu retten. Rund um das Haus ein Meer an blitzenden Blaulichtern. Ein langes rot-weiss gestreiftes Band war zur Absperrung gezogen worden. Polizisten hielten die neugierigen Menschen, die sich hier langsam sammelten, davon ab, näher zu rücken.

Lisa entdeckte Abdir zuerst. Seine Familie hatte ein paar Stühle gerettet. Davor lagen ein paar Decken, die sie noch mitnehmen konnten. Abdirs Mutter saß schluchzend auf einem Stuhl. Martin und Lisa steuerten die Familie Muhammad an. Etwas verlegen standen sie zwischen den Stühlen und Decken und ein paar Tellern, die offenbar alles waren, was Abdir und seine Familie hatten retten können. "Hallo," sagte Lisa schüchtern. "Hallo," schloss sich Martin an. Abdir blickte auf. Unter den Arm hatte er einen Ball geklemmt, den er ganz fest hielt.

"Brandstiftung im Wohnheim für Asylbewerber!" konnten sie am nächsten Tag in der Zeitung lesen. Gottseidank sei niemand ernsthaft verletzt worden, weil der Brand früh genug entdeckt worden war, stand in dem Artikel. Aber viele Bewohner hätten alles verloren. Die Polizei vermute einen "ausländerfeindlichen Hintergrund", denn an das Heim sei in großen Buchstaben "Ausländer raus!" gesprüht worden.

"Leider fällt der Sportunterricht in der Halle bis auf weiteres aus, da für die Bewohner des Wohnheimes aufgrund eines Brandes in diesem Haus in der Halle Notunterkünfte eingerichtet wurden." stand etwas umständlich formuliert auf einem Zettel, der an der Schultüre hing.

Natürlich war der Brand das Gesprächsthema in der Schule, zumal einige Klassen auch von Kindern aus dem Wohnheim besucht wurden. Auch in der Klasse von Lisa und Martin wurde schon in der ersten Stunde heftig diskutiert. Um Lisa und Martin hatte sich eine ganze Gruppe geschart, die begierig ihren Bericht von der Brandstelle hörten. "Die haben jetzt überhaupt nix mehr!" sagte Martin gerade, als Janin dazu trat. "vielleicht können wir ja was tun..." meinte Janin. Martin dachte nach. Eigentlich war er Abdir noch etwas schuldig - fand er. Vorgestern noch hatte er Abdirs Ball in ein Gebüsch gekickt. Gut, er hatte ihn dann wieder herausgeholt und dem Abdir ins Wohnheim gebracht. Aber erst einen Tag später, weil das Gebüsch hinter einem Zaun in einem Park rund um eine Villa war. Und der war geschlossen gewesen.

"Was können wir schon tun!" Tim, der gerade angekommen war, mischte sich ein. "Ein neues Haus bauen? Oder die Brandstifter jagen? Du spinnst doch! Und das geht uns auch garnix an." Martin nagte nachdenklich an seiner Unterlippe. "Was würdest du denn tun, wenn Euer Haus abgebrannt wäre und du nix mehr hättest? Nicht mal ein Bett zum Schlafen!" "Ja soll jetzt jeder denen ein Bett schenken, oder was?" entrüstete sich Tim. "Und was haben wir denn mit denen zu kriegen?" Dem muss man auch alles erklären, dachte Martin und erzählte von ihrem Besuch im Wohnheim. Wie sie den Ball zurückgebracht hatten. Und wie sie eingeladen worden waren, mitzuessen. Und dass sie eigentlich heute Abend richtig zum sudanesischen Essen eingeladen worden waren. "Aber ohne Herd und ohne Töpfe geht das nicht!" schloss er seinen Bericht.

"Das ist es!" stieß Lisa plötzlich hervor. "Wir machen ein Straßenfest. Jeder macht was zu Essen, auch die Bewohner des Heimes. Und dann gibt's ein Fest mit internationalen Spezialitäten. Die werden verkauft. Und das Geld wird für neue Töpfe verwendet, damit die wieder kochen können!" "Genial," fand Martin.

Auch ihre Klassenlehrerin fand diese Idee gut. Natürlich war der Brand in der ersten Stunde DAS Thema. Viele waren am Morgen vor dem Unterricht noch an der Brandstelle vorbeigefahren. Und alle hatten etwas zu erzählen. Lisas Vorschlag wurde lange diskutiert. Aber am Ende planten sie alle gemeinsam das große "Freundschaftsfest". So sollte es heißen. Mit Musik und Essen und Trinken aus vielen Ländern.

Martin wartete an diesem Morgen noch viel ungeduldiger als sonst auf den Gong, der die letzte Stunde beendete. Er war ausgewählt worden, um Abdirs Familie von diesem Fest zu berichten und sie zu fragen, ob sie und alle Bewohner des Heimes mitmachen würden. Und vielleicht hatte er sogar neue Freunde gewonnen.

August 2001

Guenter Klarner Geschichten