Guenter Klarner - Geschichten
Borsteln

Der Regen rann in langen Fäden das Fenster hinunter. Bildete Schlangen, die sich hin und her über das Fenster wanden. Den ganzen Tag regnete es schon. Langweilig war der Tag. Lisa starrte aus dem Fenster in die trübe Suppe. Genau so trüb fühlte sie sich. Keine ihrer Freundinnen hatte Zeit.

Draußen bog gerade eine ältere Frau um die Ecke. Ihr Gesicht war verdeckt durch ihren Regenschirm, in der Hand trug sie eine große Einkaufstasche, aus der eine Stange Lauch herausragte. Gemüsesuppe, dachte Lisa, bestimmt kocht sie morgen Gemüsesuppe. Und dann erkannte Lisa, wer da die Strasse heraufkam. Eine Nachbarin, die drei Häuser weiter in der gleichen Straße wohnte. Langsam kam sie näher. Und fast genau vor Lisas Fenster blieb sie stehen, anscheinend, um etwas auszuruhen. Umständlich hantierte sie mit Schirm und Tasche herum. Sie versuchte wohl, die schwere Tasche von der linken in die rechte Hand zu bugsieren, ohne sie dabei abzustellen. Und gleichzeitig sollte wohl der Schirm von der rechten in die linke Hand wandern. Lisa prustete los, zu komisch sah das aus.

Misstrauisch sah ihre Nachbarin auf, musterte das Fenster, hinter dem Lisa stand. Erschreckt trat Lisa einen Schritt zurück. Ob sie gesehen wurde? Kann nicht, dachte sie, ist ja eine Gardine dazwischen. Aber vielleicht hatte die sich ja bewegt? Es war als starrte die Frau vor dem Fenster Lisa direkt an, mit durchdringendem Blick schien sie kleine Löcher in die Gardine zu stanzen. Richtig unheimlich, fand Lisa und ging vorsichtig noch einen Schritt zurück. Das passt zu der, ging ihr durch den Kopf. Eigentlich kannte sie diese Nachbarin nur, weil die immer stundenlang die Straße beobachtete. Oft tat sie aber auch so, als würde sie die Fensterbank putzen. Oder das Fenster. Sie hatte bestimmt die saubersten Fensterscheiben in der ganzen Straße. Das ist unsere Zeitung, sagte Lisas Mutter immer. Die weiß alles über jeden. Würde mich nicht wundern, wenn die auch wüsste, welche Farbe unsere Handtücher haben.
Mittlerweile war das Manöver Tasche-mit-Schirm-vertauschen abgeschlossen, und die Frau verschwand aus ihrem Blickfeld.

Immer noch schlängelten sich Wasserfäden das Fenster herunter und graue Müdigkeit tropfte in ihr Zimmer. Und dann blitzte ein schelmischer Gedanke durch ihren Kopf. Lisa musste grinsen: Das war genial, einfach genial. Sie war plötzlich hellwach, drehte sich auf der Stelle um und ließ sich auf den Stuhl vor ihrem Computer fallen. Mit einem spitzbübischen Ausdruck im Gesicht schaltete sie ihren Rechner ein.

Eine halbe Stunde später stand sie auf, trat einen Schritt zurück und begutachtete ihr Werk mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. An ihrem Monitor hing ein Blatt, das sie gerade ausgedruckt hatte.

Frisch eingetroffen:
Borsteln

stand darauf. Sie nahm das Schild und klebte es in ihr Fenster, so dass es von der Strasse aus gut zu sehen war.
Klasse sah das aus, fand sie, als sie das Ergebnis von der anderen Straßenseite aus betrachtete. Alles war gut zu lesen. Und das Schild wirkte so, als gäbe es gar keinen andern Platz dafür, ja, als habe es schon immer da gehangen.

"Du, was sind Borsteln?" fragte Martin, der sie am nächsten Morgen zur Schule abholte. Er kam öfter morgens vorbei, um sie abzuholen, auch wenn das ein kleiner Umweg war. Sie hatte sich schon öfter gefragt, warum er das tat. Ach, er sei halt etwas früh losgegangen, hatte er auf ihre Frage etwas zögernd geantwortet. "Was sind Borsteln?" wiederholte er seine Frage. "Weiß nicht" grinste Lisa und erzählte ihm von der neugierigen Nachbarin. Und kichernd fügte sie hinzu, dass sie gespannt sei, wie sie darauf reagiere. "Witzig, echt witzig" sagte Martin. Etwas besseres fiel ihm nicht ein. Verflixt, dachte er und biss sich auf die Lippe. Warum fiel ihm auch nie etwas Witziges ein!

Lisas Erwartungen wurden nicht erfüllt. Zunächst geschah gar nichts. Insgeheim hatte sie gehofft, dass es an der Tür klingeln würde, ihre Nachbarin davor stehen und sie fragen würde, was denn Borsteln seien. Aber vielleicht traute sie sich auch nicht. Lisa stellte sich vor, wie sie Zu Hause saß und darüber grübelte, was denn Borsteln seien. Wahrscheinlich platzte die vor Neugier, hoffte Lisa mehr als sie glaubte. Am Sonntag konnte sie beobachten, wie zuerst die Kirchgänger, später dann die Spaziergänger vor dem Fenster stehen blieben und es musterten. Manchmal schienen sie sich zu beraten oder gemeinsam zu rätseln, was denn das Schild zu bedeuten habe. Aber sie wurde nicht gefragt.

Lisa entschloss sich, noch eins drauf zu setzen. Eine Woche später nahm sie das Blatt ab und hängte ein Neues auf.

Borsteln sind alle,
Ia Knurzeln sind nun lieferbar

stand darauf. Einige Tage später hängte sie ein zweites Blatt daneben. "Schon die alten Römer wussten um die wohltuende Wirkung der Knurzel" stand darauf. Und: "Geeignet bei kalten Füßen, Aufregung und Schweißausbrüchen."

Und dann erlebte Lisa doch noch ihren Triumph. Als sie das nächste Mal im Edeka einkaufen war, verlangte sie an der Gemüsetheke frische Rote Beete. Der Verkäufer packte sie in eine Papiertüte und fragte dann etwas verlegen, ob sie in dem Haus wohne, an dem das Schild hinge. Lisa grinste wissend und wartete ab. Nun ja... er wolle wissen, was denn nun Knurzeln seien. Eine Kundin habe gefragt, ob er welche hätte. Und er sei nicht von hier, kenne den Dialekt auch nicht so genau; aber er denke sich, dass es sich um ein Gewürz oder so etwas ähnliches wie Rüben handeln müsse.

Mit verschwörerischer Miene weihte ihn Lisa flüsternd ein. Und ließ sich versprechen, dass er das Geheimnis wahre. Beide mussten sie herzhaft lachen, als der Verkäufer erzählte, er habe dieser Kundin geraten, es mal im Bioladen oder im Reformhaus zu versuchen.

Und am nächsten Sonntag sah sie ihn mit seiner Familie beim Spaziergang am Haus vorbeigehen. Und es schien ihr, als habe er verschwörerisch mit dem linken Auge gezwinkert, als er zu ihrem Fenster sah.

März 2000

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