Guenter Klarner - Geschichten
Nur ein Ball

Ein Ball. Nur ein Ball. Und dafür war er den ganzen Weg hier hergelaufen. Je älter er wurde, um so länger schien der Weg zu werden. Dabei hatte er es auch einmal für eine gute Idee gehalten, das Haus so weit hinten zu bauen. Aber das war schon lange her. Damals war er noch jung gewesen. Der Weg zum Tor war noch keine Last, und es schien ihm vornehmer, wenn das Haus weit vom Tor entfernt war. Insgeheim hatte er immer gehofft, dass vom Glanz in diesem Haus auch etwas auf ihn fallen würde. Aber auch das war schon lange her. Langsam schob er den rechten Flügel des schmiedeeisernen Tores wieder zu. Es wehrte sich, laut knarrend widersetzte es sich dem beharrlichen Druck des alten Mannes. Und ich schließ dich doch, murmelte er vor sich hin. Jetzt führte er auch schon Selbstgespräche. Seufzend schlurfte er wieder zurück in Richtung des Hauses, den langen Weg vor sich. Das alles nur wegen eines Balles.

Zuerst hatte er gar nicht verstanden, was der Junge da wollte. Er redete entschieden zu schnell. Aber das war immer so mit den jungen Leuten. Plapperten immerzu unwichtiges Zeug. Irgendetwas mit einem Ball hatte der Junge erzählt. Und dann war da noch etwas mit einem anderen Jungen. Der wollte den Ball wohl haben. Und dafür war er den ganzen Weg zum Tor gelaufen. Er brummelte ärgerlich vor sich hin und schlurfte weiter. Na ja, nun hatte er seinen Ball. Einem "Abdir" sollte er gehören. War wohl kein Deutscher. Bei dem Namen.

Wohnte wohl auch in dem Haus am Ende der Sackgasse. Viele Menschen wohnten da. Und Scharen von Kindern. Aber vielleicht schien ihm das auch nur so. Mit dem Alter war er empfindlicher gegenüber Lärm geworden.

Schnaufend blieb er stehen. Lange konnte er das auch nicht mehr. 40 Jahre war er schon der Verwalter dieser Villa. Meistens stand sie jetzt leer. Und der Zahn der Zeit nagte an dem alten Gemäuer. Nur schwer waren die Türen zu bewegen. Aber er durfte weiter darin wohnen. Schon lange stand sie zum Verkauf. Aber wer wollte schon solch ein riesiges zugiges Haus. Er gab sich einen Ruck und setzte sich wieder in Bewegung.

Dieses Haus am Ende der Sackgasse war wohl so etwas wie ein Wohnheim. Es war ihm ungeheuer. So viele fremde Menschen. So viele Hautfarben. Aber wo sollten diese Menschen auch hin. Das hatte er selbst erlebt. Die Flucht vor der Gewalt. Damals, als die Nacht über sein Heimatland hereinbrach. Geflohen war er, als er mit ansehen mußte, wie Familie nach Familie aus dem Viertel abtransportiert wurde. Niemand wußte genau, wo hin sie gebracht wurden. Niemand kam wieder zurück. Und es gab Gerüchte. Da war er lieber abgehauen. Erst in die Schweiz. Dann weiter nach Italien. Aber da war sie auch schon, die Gewalt. Selbst in Afrika. All die Entbehrungen. Der Hunger auf der Flucht. Aber auch die Menschen, die ihm geholfen hatten. Die ihn versteckt hatten.

Jahre später war er zurückgekommen in die Heimat. Ein wenig Glück hatte er gehabt, als er die Hausmeisterstelle bekam.

Und jetzt waren wieder Menschen auf der Flucht. Aber da waren eigentlich immer Menschen auf der Flucht. Ob das jemals aufhören würde? Und diese jungen Leute hatten nur ihren Ball im Kopf.

Kopfschüttelnd verschwand er im Haus. Knarrend schloss sich die Tür hinter ihm.

September 2001

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