Guenter Klarner - Geschichten
Abdir

"Hast du die Neuen schon gesehen?" "Nö, war'n schon weg, als wir aushatten." Martin und Tim lehnten am Zaun und dösten in der warmen Nachmittagssonne. Diese letzten Augusttage hatten es in sich. Heiß noch, aber trocken. Tim blinzelte in die Sonne. "Und was nun?" Martin zuckte die Achseln. "Weiß nicht..." Ihre Kickboards lehnten neben ihnen am Zaun. Staubig schon vom langen Lauf bis hierher.
"Hee, da kommen Lisa und Janin!" "Puh, ist das warm!" Lisa warf ihr Board auf die anderen beiden. "Na, wieder keinen Plan?" grinste sie spöttisch. "Ist halt warm," versuchte Martin zu verstecken, dass er sich ertappt fühlte, "aber ihr habt bestimmt ne Idee." "Auch nicht," stieß Janin etwas gehetzt hervor, und die Staubwolke nach ihrer scharfen Bremsung begann sich zu legen, "wir haben auch keine." "Na toll" ließ sich Tim hören. Gelangweilt kickte er eine Cola-Dose auf den Platz. Scheppernd knallte sie auf das Pflaster, drehte sich noch etwas, um dann schaukelnd liegen zu bleiben. Er drehte sich Janin zu. "Habt ihr die neuen schon gesehen?" "Nö, warn schon weg" sagte sie mit einem Achselzucken, das sagen sollte: wen interessierts?

Ein kleiner schwarzer Junge rannte auf den Platz. Er trug einen Ball mit sich. Einen Fußball. Einen neuen Fußball. Einen nagelneuen Fußball. Schwarz - weiß. Einen nagelneuen, schwarz-weißen Fußball.

"Ey!" rief Martin. "Komm mal her!" Der Junge blieb stehen. Unsicher sah er herüber. "Zeig mal den Ball!" Es schien als ob er ihn etwas fester halte, ganz so, als befürchte er, ihn abgenommen zu bekommen. "Lass mal sehen, Kleiner," meldete sich auch Martin zu Wort. Gemächlich stieß er sich vom Zaun ab und schlenderte ganz langsam auf den Jungen zu. "Na komm, lass uns mal einen kicken!" Die anderen hatten sich auch vom Zaun gelöst und gingen auf den Jungen zu. Nur Lisa sah noch das Aufflackern von Panik in seinen Augen - dann hatte er den Ball fallen gelassen, sich auf dem Absatz umgedreht und rannte davon, als ob der Teufel hinter ihm her sei.

"Heh, dein Ball..." rief Martin hinter ihm her und mit einem kräftigen Anlauf trat er den Ball hinter dem Flüchtenden hinterher. "Oh, oh," Tim verfolgte die Flugbahn. In einem leichten Bogen flog der Ball hinter dem Jungen her. Aber nur ungefähr. Mit einem Geraschel verschwand er in einem Gebüsch auf der anderen Seite des Zaunes. "Scheiße!" entfuhr es Martin. "Warum rennt der denn so? Heee, komm zurück..." Weg war er. Wie ein geölter Blitz. Und weg war auch der Ball. Angestrengt starrten sie in das grüne Gebüsch in der Hoffnung, etwas vom Ball zu sehen. Aber nix. Der war verschwunden.

Martin lief mit den anderen den Zaun entlang. Irgendwo musste es doch rein gehen. An der nächsten Ecke war es dann: Ein schmiedeeisernes Tor verschloss den Zugang zum Gelände. Ein Weg führte von hier in einen verwilderten Garten. Hinter ein paar Bäumen konnte man noch das Dach eines Hauses sehen.
Weiß jemand, wer da wohnt?" fragte Lisa. In diesem Augenblick kam ein riesiger schwarzer Hund zwischen den Bäumen hervorgeschossen und blieb mit wütendem Gebell auf der anderen Seite des Zaunes stehen. "Sieht nicht gut aus," kommentierte Tim, dem das Herz langsam in die Hose zu rutschen begann. "Komm, lass uns verschwinden!" Martin hatte schon seine Hand ausgestreckt, um den Klingelknopf über dem Namensschild zu drücken. "Komm, wir hauen ab!" Timm zerrte an Martins Ärmel. "Und der Ball?" widersprach Martin. Und dann hatte er den Knopf gedrückt. Aber nichts rührte sich. Nur der Hund stand mit gefletschten Zähnen und funkelnden Augen auf der anderen Seite des Tores und wollte gar nicht mehr aufhören zu bellen."
"Das hat doch keinen Zweck," wagte Tim erneut einen Einwand. "Wir kommen morgen wieder. Oder wir rufen an. Da kommen wir doch sowieso nicht rein!"

Es war noch frisch, als Martin am nächsten Morgen mit Lisa in den Bus einstieg. "Kommst du nachher mit, den Ball holen?" fragte er sie. Gerade wollte sie antworten, da sah sie einen großen schwarzen Jungen, der sich hinter Martin aufbaute. Er zeigte auf Martin und sah sich um. Hinter ihm stand der kleine Ballbesitzer von gestern und nickte.
Der große Junge tippte Martin auf die Schulter: "Heh, wo ist Ball von Abdir?" Martin fuhr herum und wurde blass. Der schwarze Junge war einen ganzen Kopf größer als er und sah überhaupt nicht freundlich aus. "Wo ist Ball?" "Äh - weg. Weggeflogen..." "Hör zu, du. Heute Abend hat Abdir seinen Ball. Du verstehst?" Martin war äußerst unwohl. "Ich hol ihn ja... Nach der Schule." beeilte er sich zu sagen. "Und wenn du nicht kommst, dann gibt's Ärger, ja?" Das war deutlich. Martin atmete auf, als der Große sich durch den Bus wieder nach hinten schob, wo Martin noch zwei schwarze Jungen entdeckte. Und beide grinsten ein wenig spöttisch.

Anders als sonst war Martin gar nicht froh, als er den Gong zum Ende der letzten Stunde hörte. Vor der Schule wartete Lisa schon auf ihn. "Und - kommst du mit?" fragte er etwas unsicher. Insgeheim hoffte er, sie möge ja sagen. "Klar komm ich mit." antwortete sie zu seiner Erleichterung.
Bis in seinen Hals fühlte er sein Herz klopfen, als sie auf das Tor zugingen. Kein Hund war zu sehen. Die Sonne malte viele Licht- und Schattenkringel auf den Weg hinter dem Tor. In der Mittagshitze wirkte der Weg eigentlich recht friedlich. Martin zögerte nur kurz, bevor er auf den Klingelknopf drückte. Ihm war, als höre er den Hund in der Ferne bellen. Wahrscheinlich war er im Haus. Und dann hörte er eine leise Stimme, die aus der Sprechanlage über der Klingel kam: "Ja, wer ist da?" Martin sprudelte los, dass im Garten ein Ball sei, dass der beim Spielen gestern über den Zaun geflogen sei, dass er den zurückgeben müsse, dass er bitte, ihn holen zu dürfen und wo der Hund sei und das es ihm leid täte, wenn er störe.

"Warte." Kein Kommentar, keine Erklärung, nur einfach "Warte". Und dann schlurfte ein älterer Mann langsam den Weg zum Tor herunter. Quietschend ließ es sich öffnen. Mürrisch wirkte der alte Mann. "Na dann mach schnell und verschwinde wieder!" brummelte der Alte mehr vor sich hin, als zu Martin gewandt.

Martin stand der Schweiß auf der Stirn, als sich der Alte wieder auf das Haus zu bewegte. Aber er hatte den Ball. "Ich bring ihn gleich zu diesem Abdir!" entschloss er sich. Das Haus fand Martin am Ende einer Strasse. Obwohl doch fast um die Ecke, war er hier noch nie gewesen. Alle Fenster standen auf, und eine Vielzahl unterschiedlicher Geräusche schien aus den verschiedenen Fenstern zu quellen. Er konnte Fetzen eines fremden Radiosenders hören, dazwischen immer wieder ein paar Takte einer seltsam schwingenden Musik, vermischt mit Bruchstücken vieler fremder Sprachen. Der Geruch exotischer Kräuter wehte ihm in die Nase. Mulmig war ihm schon, als er auf das Haus zu ging. Und dann trat Abdir aus dem Schatten der Eingangstüre. Er sah Martin mit dem Ball unter dem Arm. Irgendetwas rief er hinter sich in das Dunkel hinein. Martin hatte die Türe erreicht und hielt ihm wortlos den Ball hin.

"Mitkommen..." bedeutete ihm Abdir. Martin tastete hinter sich und ergriff Lisas Hand. Er fühlte, dass seine Finger feucht waren. Aber das war jetzt egal. Abdir ergriff seine freie Hand und zog ihn hinter sich durch einen langen Flur. Kleine Kinder rannten fröhlich kreischend zwischen ihren Beinen durch. Abdir zog Martin und Lisa in ein kleines Zimmer. Abdirs Brüder saßen grinsend an einem Tisch. Vor ihnen stand eine Schüssel Reis und ein Topf mit einem seltsam fremd riechenden Fleischgericht. Der Geruch regte Martins Appetit an. "Setzen..." deutete der größte auf einen Stuhl. Zögernd ließ sich Martin nieder. Abdir zog noch einen zweiten Stuhl für Lisa an den Tisch. Abdirs Mutter reichte beiden einen Teller mit Reis und Fleisch, dazu einen Löffel. "Essen!" forderte der größere von Abdirs Brüdern die beiden auf. Und als Martin den ersten Bissen runterschluckte, hatte er das seltsame Gefühl, dass alle vier Geschwister verstohlen grinsten.

August 2001

Guenter Klarner Geschichten